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EZB: Falken gewinnen deutlich an Einfluss


10.06.22 12:47
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Auf den ersten Blick brachte die Entscheidung des EZB-Rats keine große Überraschung: Das Netto-Kaufprogramm wird zügig beendet und die Zinswende für den 21. Juli mit einer moderaten Anhebung um 25 Basispunkte angekündigt, so die Analysten der Helaba.

Weitere Zinsschritte würden kommen, der zweite bereits im September. Pressemitteilung und Pressekonferenz hätten aber auch eine bemerkenswerte Verschiebung der aktuellen Kräfteverhältnisse im EZB-Rat gezeigt. Die Tauben seien nun in der Defensive, die geldpolitischen Falken hätten offenbar deutlich an Einfluss gewonnen. Untermauert werde dies durch die erhöhten Inflationsprojektionen der EZB: Selbst die Schätzung für 2024 liege nun mit 2,1% leicht über dem EZB-Ziel - im März sei noch ein Wert von 1,9% erwartet worden. Die Prognosen für 2023 seien sogar massiv von 2,1% auf 3,5% angehoben worden. Für die September-Sitzung des EZB-Rats sei die Möglichkeit eines großen Zins schritts ins Spiel gebracht worden.

EZB-Chefin Lagarde spreche von einer Reise, die aus der unkonventionellen Geldpolitik herausführt und nun mit klassischen Instrumenten, also Leitzinsen, fortgesetzt werde. Wie schnell die Reisegeschwindigkeit sein werde und was letztlich das Ziel(niveau) sein solle, sei noch nicht geklärt. Im letzten Wochenausblick habe dazu gestanden: "Für sie (die Tauben) würden drei Zinsschritte beim Einlagensatz um insgesamt 75 Basispunkte bis Jahresende vermutlich ausreichend sein. Setzen sich hingegen die Falken im Rat durch, so könnte das Maximum der Anhebungen in den verbleibenden vier Sitzungen im zweiten Halbjahr bei 125 Basispunkten liegen".

Ihre Kapitalmarktprognosen würden die Analysten bis zum nächsten Wochenausblick auf den Prüfstand stellen. Der jüngste massive Renditeanstieg spiegle bereits die veränderte Grundhaltung der EZB wider. Habe die Rendite zehnjähriger Bunds Ende Mai noch unter der 1%-Marke gelegen, so habe sie zuletzt fast 50 Basispunkte höher notiert. Seit dem Tief 2020 sei sie sogar um 2,25 Prozentpunkte gestiegen. Vergleiche man dies mit anderen zyklischen Tief-/ Höchstständen, so sei dies bereits jetzt der stärkste zyklische Renditeanstieg in Deutschland seit 30 Jahren. In Italien habe sich die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen innerhalb nur eines Jahres um fast drei Prozentpunkte erhöht. Angesichts des insgesamt fragilen konjunkturellen Umfelds stelle sich daher die Frage, wie lange die Falken die Oberhand behalten würden. Viel werde natürlich auch davon abhängen, wie hartnäckig sich die Inflation halte. (10.06.2022/alc/a/a)