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EZB-Entscheidungen als Wachstumsrisiko


13.06.22 12:00
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Die neuen Maßnahmen der EZB fielen erwartungsgemäß aus. Der Markt reagierte allerdings negativ: Die bei der heutigen Sitzung bekanntgegebene, eindeutige Änderung der EZB-Erwartungen hinsichtlich einer Leitzinserhöhung, deutet darauf hin, dass bei einer zukünftigen Sitzung mit einer noch stärkeren Reaktion der Zentralbank zu rechnen ist, falls sie mit einer weiter steigenden Inflationsrate konfrontiert wird, so Patrick Barbe, Head of European Investment Grade Fixed Income beim unabhängigen US-Vermögensverwalter Neuberger Berman.

Ein Szenario, mit dem die EZB derzeit nicht rechne, das aber von den meisten Ökonomen im Zuge der steigenden Energiepreise erwartet werde.

Die EZB-Maßnahmen hätten nur geringe Auswirkungen auf den Inflationsanstieg, solange dieser auf die Importpreise zurückzuführen sei. Die EZB würde allerdings gern die Wirtschaftsakteure von ihrem Einsatz im Kampf gegen die Inflation überzeugen, um die Inflationserwartungen wieder bei zwei Prozent zu halten. Es sei äußerst wichtig, dass Privatanleger und Unternehmen ihre wirtschaftlichen Entscheidungen nicht auf der Grundlage höherer Inflationsprognosen treffen würden.

In Zeiten, in denen das deutsche Wirtschaftswachstum mit einem Plus von etwa acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr den höchsten Stand seit den 1950er Jahren erreicht habe, habe der Kampf gegen die Inflation für die EZB Priorität. Sie liefere gleichzeitig ihre Wirtschaftsprognosen, die ein höheres Wachstum im Jahr 2024 zeigen würden. Das bedeute, dass sie annehme, ihre kommenden Zinserhöhungen würden das Wachstum nicht allzu sehr beeinträchtigen. Nach Ansicht von Neuberger Berman bestehe jetzt ein Wachstumsrisiko, falls die Lohnerhöhungen zu weit hinter der Inflationsrate zurückbleiben würden oder darunter lägen. Ebenso bestehe ein Wachstumsrisiko, wenn die EZB die Kosten unterschätze, die der Wirtschaft durch einen schnellen Ausstieg aus den negativen Zinsen drohen würden.

Die neuen Maßnahmen dürften zu mehr Unsicherheiten und dann zu Marktvolatilität führen. Da der endgültige Leitzins derzeit bereits bei über zwei Prozent prognostiziert werde, werde Neuberger Berman seine vorsichtige Haltung beibehalten und nur, mit Blick auf deren attraktive Renditen, damit beginnen, mittelfristige Anleihen von Staaten und Unternehmen zu kaufen.

Die EZB habe deutlich gemacht, dass sie 'bereit ist, alle ihre Instrumente flexibel anzupassen, um sicherzustellen, dass sich die Inflation mittelfristig bei ihrem Ziel von zwei Prozent stabilisiert'. Das bedeute, dass das Ausmaß des Zinserhöhungszyklus nur von den Inflationsdaten abhängen dürfte. Ihre neue Inflationsprognose von zwei Prozent oder mehr in absehbarer Zukunft rechtfertige den Anstieg der Leitzinsen bis mindestens zu einem neutralen Niveau, wobei eine größere Anhebung im September erwartet werde. Das weitere Vorgehen werde von der Entwicklung der Inflation abhängen. (13.06.2022/alc/a/a)