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EZB: Druck zu restriktiverer Geldpolitik ist hoch


05.09.22 09:00
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Die Konferenz von Jackson Hole brachte ein in der Summe hawkisches Signal: Während Impulse für eine strategische bzw. konzeptionelle Neuausrichtung der internationalen Geldpolitik ausblieben, überwog das Bemühen, den zwischenzeitlich aufgekommen Optimismus der Finanzmärte zu dämpfen, so die Analysten der National-Bank AG.

Chairman Powell habe denn auch in der Substanz kaum Neues gebracht, allerdings seine Rhetorik verschärft. Die FED wolle so an ihrem Kurs festhalten, die Leitzinssätze weiter anzuheben, dabei aber das Tempo grundsätzlich weiter zu reduzieren. Damit habe Powell offengelassen, ob der nächste Schritt auf der September-Sitzung noch einmal ein "außergewöhnlich" großer (75 Basispunkte) sei, oder ob sich die Mitglieder des FOMC dieses Mal mit einer Anhebung von 50 Basispunkten begnügen würden. Dass es sich hier im Kern um Mikromanagement und nicht um eine gänzlich neue Linie gehandelt habe, habe sich etwa auch daran gezeigt, dass sich die FED mit dem bisherigen Inflationsverlauf - selbstverständlich - habe "noch nicht zufrieden" geben können.

Auch die Ankündigung Powells, dass es notwendig sein könnte, die Zinssätze längere Zeit auf den höheren Niveaus zu belassen, ergebe sich bereits aus dem Umstand, dass die weiterenn Maßnahmen der US-Notenbank nach dem Erreichen der Neutralzone maßgeblich vom weiteren Datenverlauf abhängig seien. Auch hierbei habe es sich also letztlich eher um eine Stimmungsbotschaft gehandelt. Gemessen an diesem Maßstab habe Chairman Powell sein Ziel erreicht: Im Nachgang zu seinen Ausführungen seien die Inflationserwartungen zwischenzeitlich um fast 20 Basispunkte gesunken, während die Reaktion der Treasuries mit einem Plus von lediglich 6 Basispunkten kaum auf eine nennenswerte Erwartungsverschiebung hinsichtlich des weiteren Notenbankpfades hätten schließen lassen.

Auch die europäische Geldpolitik sei in Wyoming selbstverständlich vertreten gewesen. Während Frau Lagarde an der Konferenz nicht teilgenommen habe, hätten sich insbesondere die Äußerungen von EZB-Direktoriumsmitglied Schnabel im Sinne eines abermals großen Zinsschrittes von 50 Basispunkten auslegen lassen. Da die Inflationsraten im August weiter von 8,9% auf 9,1% gestiegen seien und auch die Kernrate mit einem Plus von 4,3% deutlich oberhalb der Erwartungen gelegen habe, sei zuletzt sogar die Erwartung geäußert worden, die EZB könne die Zinssätze gleich um 75 Basispunkte erhöhen. Damit würde und könnte sie dem "Frontloading" der Maßnahmen durch die US-Notenbank folgen, auch weil die der Hochpunkt der Inflation noch immer nicht erreicht sein könnte.

Der Druck auf die EZB bleibe also auf jeden Fall sehr hoch, die Zinsen weiter deutlich zu erhöhen. Die eigentliche Frage sei aber nach wie vor für alle Notenbanken, wie sich die unterliegenden Trends weiter entwickeln würden. Sowohl in Europa als auch in den USA würden viele Unternehmen ihre Preise weiter anzuheben planen. Derweil würden sich die Anzeichen auch in Europa mehren, dass der Lohndruck im Rahmen der kommenden Tarifverhandlungen zunehmen könnte.

Aus Sicht der Analysten werde die Entscheidung über den weiteren Inflationsverlauf aber vor allem in den USA fallen: Sollte es in der preiselastischen US-Ökonomie nicht gelingen, die Inflation schnell einzufangen, dürfte sie auch in Europa nur sehr allmählich zu bremsen sein. Die kommenden Monate seien damit der eigentliche Lackmustest für die Frage, ob man mit Blick auf die Inflation in gänzlich neuen Rahmenbedingungen lebe, oder ob sich der Inflationsprozess wieder stärker an die Phase der letzten zwei Dekaden annähere. Es werde hier aber sicherlich noch mindestens zwei Quartale dauern, bis man hier einen ersten Zwischenstand werde ermitteln können.

Die Analysten würden ihre Schätzungen für die FED Funds b.a.W. bei 3,5% belassen. Für die EZB werde die Lage immer schwieriger, da die Inflation immer höhere Werte erreiche, sich der wirtschaftliche Ausblick aber immer weiter eintrübe. Vor dem Hintergrund auch des zunehmenden öffentlichen Drucks auf die EZB würden die Analysten die Projektionen für den weiteren Zinspfad der EZB hiermit weiter anheben: Sie würden nunmehr davon ausgehen, dass die EZB die Zinssätze auf der Sitzung in der kommenden Woche um 50 Basispunkte anhebe und dem Frontloading der US-Notenbank folge.

Mit dem Konsensus würden die Analysten nunmehr davon ausgehen, dass die EZB den Hauptrefinanzierungssatz innerhalb eines Jahres auf 1,75% anheben werde, wobei die Prognoseunsicherheit aufgrund der für die Geldpolitik vollkommen gegenläufigen Impulse von Inflation und Wachstum derzeit kaum größer sein könnte. Im Ergebnis hätten sie auch die Projektion für die zehnjährigen Bundrenditen auf den Prognosehorizont auf nunmehr 1,5% wieder leicht angehoben, das Zinsmaximum sollte im Jahresverlauf um 1,75% liegen. Die Projektionen für die US-amerikanischen zehnjährigen Benchmark-Sätze würden sie ebenfalls leicht anheben und nunmehr Renditen um 3,3% auf Jahressicht erwarten.

Die Corporate Spreads - gemessen am fünfjährigen Markit-iTraxx-Europe - hätten zuletzt im Zuge des allgemeinen "risk-off" im Nachgang zu Jackson Hole wieder etwas angezogen. Solange der Druck auf die EZB zu einer restriktiveren Geldpolitik so hoch sei, dürfte eine Seitwärtsbewegung vorherrschen. Grundsätzlich würden die Analysten im Kern eine Fortsetzung des - relativ - lockeren geldpolitischen Kurses der EZB etwa mit Blick auf die niedrigen Realzinsen erwarten. Insofern sollten sich die Risikoprämien mittelfristig weiter zurückbilden, derzeit würden sie einen Fair-Value bei Kursen um 100 Basispunkte sehen. Mittelfristig maßgeblich dürfte der Umstand sein, ob und in wie weit sich die Entspannung des globalen Preisumfeldes auch in Europa bemerkbar mache. (Ausgabe vom 02.09.2022) (05.09.2022/alc/a/a)