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EZB im Dilemma


14.09.22 12:12
Fürst Fugger Privatbank

Augsburg (www.anleihencheck.de) - EZB-Präsidentin Christine Lagarde stellt die Märkte auf harte Monate ein: nicht nur auf weitere Zinserhöhungen, sondern auch auf eine substanzielle Abschwächung der Wirtschaft, so Andrea Greisel vom Asset Management der Fürst Fugger Privatbank.

Auch in den USA sei die Wirtschaft in den ersten beiden Quartalen geschrumpft. Gleichzeitig sei jedoch die Arbeitslosigkeit weiter gefallen - ein bisher einmaliger Vorgang. Die FED könne sich daher ganz auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren. Anders in Europa: Die EZB habe den Zinserhöhungsprozess viel später eingeleitet als die FED und stehe nun unter Zugzwang. "Ein wirtschafts- und strukturschwaches, rohstoff- und exportabhängiges Europa verkraftet deutliche Zinsschritte weniger gut als die USA," meine Andrea Greisel. "Im Gegensatz zur FED muss sich die EZB auch um einige hochverschuldete Länder kümmern. Tut sie das nicht, droht die nächste Schulden- bzw. Euro-Krise."

Obwohl die EZB seit ihrer Gründung noch nie die Zinsen in einem Schritt so stark angehoben hätte wie zuletzt, ginge der Markt schon für die nächste EZB-Sitzung von weiteren 0,75 Prozent Anhebung aus. Und doch sei fraglich, ob dies ausreiche, um die Rekordinflation schnell eindämmen zu können. Die liege in der Euro-Zone mittlerweile bei 9,1 Prozent und sei damit mehr als vier Mal so hoch wie das anvisierte Stabilitätsziel von jährlich zwei Prozent.

Andrea Greisel: "Auf einen Großteil der Inflation hat die EZB überhaupt keinen Einfluss, etwa auf Lieferketten-Engpässe oder die höheren Energiepreise als Folge des Ukraine Krieges." Hinzu kämen die Forderungen der Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen. Steigende Löhne würden die Inflation zusätzlich anheizen. "Auf kurze Sicht werden die Preise eher weiter nach oben gehen, zumal der schwache Euro Preissteigerungen über die Rohstoffseite importiert. Im Herbst ist sogar mit zweistelligen Inflationsraten zu rechnen. Die Inflation ist also gekommen, um zu bleiben."

Das ifo-Institut warne vor einer bevorstehenden Winterrezession. In einer verunsicherten Welt mit Rezessionsgefahr würden Anleger umso mehr auf (Zins-)Klarheit der Notenbanken warten. Die Märkte übten sich weiter in Skepsis. Insbesondere die zuletzt große Unruhe bei US-Staatsanleihen dürfte sich im Börsen-Herbst auch in einer zunehmenden Aktienschwankung niederschlagen. (14.09.2022/alc/a/a)