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EZB: Berechenbarkeit ist gefragt


09.06.22 16:15
Legal & General IM

London (www.anleihencheck.de) - Die EZB lässt ihr Anleihen-Kaufprogramm nach und nach auslaufen. In Zukunft wird sie sich insbesondere mit Blick auf Italien berechenbarer als andere Zentralbanken verhalten müssen, sagt Hetal Mehta, Senior European Economist bei Legal & General Investment Management (LGIM):

Die Europäische Zentralbank (EZB) befinde sich in einer schwierigen Lage: Hohe Inflation, stockendes Wachstum und ein angespannter Arbeitsmarkt. Aktuell sähen die Experten für die zweite Jahreshälfte in der Eurozone ein Rezessionsrisiko von 60 Prozent. Die Bank unternehme ungewöhnliche Schritte, um Klarheit über die kurzfristige Zinsentwicklung zu schaffen - doch die aggressiveren unter ihren Mitgliedern würden bereits Druck machen, das Tempo zu erhöhen.

Die EZB wolle ihre Nettoankäufe von Vermögenswerten am 1. Juli 2022 beenden, aber sie werde den Bestand an erworbenen Vermögenswerten noch mindestens bis Ende 2024 reinvestieren. Dabei dürfte die Zentralbank hoffen, kein neues Programm für Italien auflegen zu müssen. Schließlich habe einer der Hauptvorteile des EZB-Programms darin bestanden, die Kosten zu senken, zu denen die Mitgliedsstaaten sich hätten verschulden können - besonders hilfreich für Italien, dessen Verschuldung Schätzungen zufolge nach den pandemiebedingten Unterstützungsleistungen auf bis zu 160% des BIP angestiegen sein könnte.

Mit anhaltend niedrigen Renditen in den letzten acht Jahren habe das italienische Schatzamt bestehende Schulden billiger refinanzieren können, was die Kosten für den Schuldendienst erheblich gesenkt habe und die hohe Schuldenlast erträglicher gemacht habe. Höhere EZB-Zinsen und damit auch höhere italienische Kreditkosten würden die Tragfähigkeit der italienischen Schulden in Frage stellen. Infolgedessen wird die EZB bei der Anhebung der Zinssätze "berechenbar" vorgehen müssen, und zwar deutlich mehr, als wir es von anderen Zentralbanken wie der Federal Reserve oder der Bank of England gewöhnt sind, so die Experten von LGIM. (09.06.2022/alc/a/a)