EZB: Anhebung des Leitzinses um 0,25 Prozent im Juli erwartet


08.06.22 09:43
Carmignac Gestion

Luxemburg (www.anleihencheck.de) - Die Situation, mit der die EZB konfrontiert ist, bleibt sehr heikel, so Gergely Majoros, Mitglied des Investment Committees von Carmignac.

Einerseits müsse die Inflationsdynamik in der Eurozone angegangen werden. Andererseits hätten sich die wirtschaftlichen Aussichten, insbesondere für das Verarbeitende Gewerbe, deutlich verschlechtert.

Für die kommende Sitzung würden die Experten erwarten, dass die EZB das Ende der quantitativen Lockerung (Quantitative Easing - QE) beschließe und die erste Zinserhöhung von 0,25 Prozent für Juli ankündige. Die EZB werde ihre vierteljährlichen Stabsprognosen vorlegen, aus denen hervorgehen dürfte, dass die Inflation 2024 mindestens 2 Prozent erreiche und damit die verbleibende unerfüllte Bedingung der Forward Guidance erfülle, die für den Beginn einer Zinserhöhung erforderlich sei.

Die Experten würden heute nicht davon ausgehen, dass die EZB im Juli eine erste Zinserhöhung um 0,5 Prozent vornehmen werde. Erstens habe die EZB die Notwendigkeit eines schrittweisen Vorgehens zum Ausdruck gebracht. Zweitens würden sie es für unwahrscheinlich halten, mit 0,5 Prozent zu beginnen, und zwar aus ähnlichen Gründen wie die FED, die sich letztlich gegen die Aussicht auf 0,75 Prozent entschieden habe. Allerdings würde ein überraschend hoher Inflationsdruck im Juni die Wahrscheinlichkeit eines 0,5 Prozent-Anstiegs deutlich erhöhen. Darüber hinaus sollten die Anleger eine Erhöhung um 0,5 Prozent zu einem späteren Zeitpunkt nicht ausschließen, insbesondere nach September, wenn die mittelfristigen Prognosen erneut aktualisiert würden.

Im weiteren Verlauf bestehe das Hauptrisiko der EZB-Politik für die Anleger darin, ob und wann der EZB-Rat beschließe, dass die Politik "gestrafft" werden müsse. Bisher sei der Rahmen lediglich eine "Normalisierung", was im Wesentlichen bedeute, dass die Zinssätze auf ein "neutrales Niveau" und nicht in den restriktiven Bereich gebracht werden sollten. Die aktuellen Marktpreise würden diese Mitteilung widerspiegeln, wobei der EZB-Leitzins in der Nähe von 1,7 Prozent liege, also im oberen Bereich der von einigen EZB-Ratsmitgliedern genannten "neutralen" Spanne von 1 bis 2 Prozent, aber nicht darüber.

Obwohl die Zinsmärkte in Europa bereits einen signifikanten Zinserhöhungszyklus einpreisen würden, würden die Experten es zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht halten, ein Long-Engagement an den europäischen Zinsmärkten aufzubauen, insbesondere vor der ersten Zinserhöhung.

Was die Spreads der Peripherieländer betreffe, so werde derzeit darüber diskutiert, ob die EZB ein "Stabilisierungsinstrument" einführen werde, um zu verhindern, dass sich Zinserhöhungen unverhältnismäßig stark auf die Finanzierungskosten der Peripherieländer auswirken würden. Die Experten würden erwarten, dass die EZB an dieser Front eher reaktiv als proaktiv vorgehen werde. So könnten die Märkte zunächst die Schmerzgrenze der EZB testen, indem sie die Spreads der Peripherieländer ausweiten würden, bis dies eine Diskussion über einen neuen politischen Mechanismus erzwinge. Daher würden die Experten auch bei den Peripherie-Spreads vorsichtig bleiben. (Ausgabe vom 07.06.2022) (08.06.2022/alc/a/a)