Deutsche Inflationsrate sinkt überraschend deutlich


04.01.23 15:42
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Verbraucherpreise sind im Dezember in Deutschland weniger stark gestiegen als erwartet, so die Experten von "FONDS professionell".

In die Freude über den Rückgang der Inflationsrate würden sich aber auch mahnende Stimmen mischen. FONDS professionell ONLINE habe einige aktuelle Kommentare ausgewählt.

Die Inflationsrate in Deutschland sei im Dezember niedriger ausgefallen als erwartet. Im Vergleich zum Vorjahresmonat hätten die Verbraucherpreise um 8,6 Prozent zugelegt, wie das Statistische Bundesamt auf Basis einer ersten Schätzung mitteile. Im November habe die Teuerungsrate noch bei 10,0 Prozent gelegen, im Oktober sogar bei 10,4 Prozent. Im Vorfeld von Agenturen befragte Ökonomen hätten für Dezember eine Inflationsrate von 9,0 Prozent prognostiziert. Beim Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), der in der EU einheitlich berechnet werde, weise die Behörde für Deutschland im Dezember eine Teuerungsrate von 9,6 Prozent aus.

FONDS professionell ONLINE habe einige Kommentare von Asset Managern zur Inflationsentwicklung zusammengestellt.

Wie würden Ökonomen und Anlagestrategen die jüngsten Daten zur Inflation in Deutschland kommentieren?

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust
"Der Geldbeutel der Verbraucher blieb auch zum Jahresende 2022 arg strapaziert, aber immerhin ist die Inflationsrate wieder deutlich in den einstelligen Bereich gefallen. Der Rückgang gegenüber November 2022 geht zu einem erheblichen Teil darauf zurück, dass der Staat die Dezember-Abschläge für Direktbezieher von Gas und Fernwärme übernommen hat. Das bedeutet zwar streng genommen keine Preissenkung, reduziert aber den Aufwand für die Verbraucher. Allerdings wäre die Inflation auch ohne diese Einmalzahlung in den einstelligen Bereich gefallen: Der Rückgang der Ölpreise und der im Vergleich zu den vergangenen Monaten etwas verminderte Anstieg der Lebensmittelpreise haben die Inflation deutlich gedämpft. Die Zeiten zweistelliger Inflationsraten des VPI wie im Oktober und November vergangenen Jahres sind aller Voraussicht nach überwunden. Spürbar gedrückt werden dürfte die Jahresinflationsrate im März, da dann der extrem starke Anstieg der Preise im März 2022 aus der Berechnung herausfällt und weitere staatliche Unterstützungsmaßnahmen greifen. Da der Inflationsrückgang vor allem durch niedrigere Preise für Kraftstoffe und Heizöl sowie durch staatliche Soforthilfen bei Gas und Fernwärme herbeigeführt wurde, ist er kein Signal der Entwarnung für die Geldpolitik der EZB."

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment
"Allzu groß sollte die Erleichterung über die sinkende Teuerung nicht ausfallen. Für Januar rechnen wir mit einem erneuten Anstieg. Dann flattern überdurchschnittlich viele Rechnungen mit höheren Abschlagszahlungen in die Briefkästen der Verbraucher. Bereits im Dezember legte die Kerninflationsrate, die die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, zu. Wir erwarten trotzdem keine Rückkehr zu zweistelligen Inflationsraten. Die Gas- und Strompreisbremse sowie eine verbesserte Versorgungslage dürften sich weiter preisdämpfend bemerkbar machen. Auch bei anderen Preisbestandteilen ist eine Beruhigung zu erwarten, weil mit einer fortgesetzten Entspannung bei Lieferketten und Produktionsengpässen Angebot und Nachfrage besser ins Gleichgewicht finden. Für die Europäische Zentralbank gibt es trotzdem viel zu tun. Aufgrund des anhaltend hohen absoluten Inflationsniveaus und der hartnäckig hohen Kerninflation wird sie noch bis weit in den Frühling hinein an ihrem geldpolitischen Straffungskurs festhalten."

Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS
"Es ist ein unrühmlicher Rekord. Selbst in den 1970er Jahren stiegen die Preise in Deutschland nicht so stark wie im Jahr 2022, als sie im Jahresdurchschnitt um 7,9 Prozent kletterten. Im Dezember 2022 zeichnete sich allerdings ein erster Lichtblick ab. Dadurch, dass der Staat die Kosten für die Abschlagszahlung der privaten Haushalte für Erdgas und Fernwärme übernahm, gingen die Preise für diese Ausgaben beispielsweise in Hessen um 40 Prozent gegenüber dem Vormonat zurück. Und dies drückte den Anstieg der Lebenshaltungskosten wieder in den einstelligen Bereich. Die Preise in Deutschland kletterten 'nur' noch um 8,6 Prozent im Vorjahresvergleich. Immer noch bereitet der Anstieg der Nahrungsmittelpreise große Sorgen, die im Dezember mit 20,7 Prozent nur unwesentlich langsamer als im November mit 21,1 Prozent stiegen. Die Dienstleistungspreise legten stärker zu als im Vormonat. Sie erhöhten sich um 3,9 Prozent, was vor allem auf höhere Preise für Pauschalreisen zurückzuführen ist. Die gute Nachricht ist: Es spricht viel dafür, dass der Höhepunkt in der Inflationsentwicklung bereits im Herbst in Deutschland erreicht wurde. Gas- und Strompreisbremse werden auch in den kommenden Monaten einen dämpfenden Effekt auf die Inflationsrate haben. Doch insgesamt bleibt die Inflationsrate viel zu hoch. Selbst Mitte des Jahres 2023 dürfte sie noch bei über fünf Prozent liegen."

Thomas Altmann, Leiter Portfoliomanagement bei QC Partners
"Freude über die rückläufige Inflationsrate ist natürlich erlaubt. Eine Kursänderung der EZB darf aber niemand erwarten. Erstens muss die Inflationsrate in der gesamten Eurozone fallen. Und zweitens müssen viele weitere Rückgänge folgen, bis die Inflation auch nur in die Nähe des EZB-Ziels von zwei Prozent kommt. Zumindest das Risiko, dass die EZB stärker erhöht als bisher im Markt eingepreist, hat heute abgenommen. Und das ist in diesen Zeiten schon eine gute Nachricht. Die wichtigste Nachricht für die Börsen: Die Inflationsrate ist im Dezember nicht nur gesunken, sie ist stärker gesunken als erwartet. Am Rentenmarkt sehen wir nach dem Ausverkauf am Jahresende eine Erleichterungsrally. Auch am Aktienmarkt kommt die niedrigere Inflation gut an." (Ausgabe vom 03.01.2023) (04.01.2023/alc/a/a)