Brasilien: Regierungswechsel? Die Zentralbank dürfte den Leitzins auf 14% anheben


19.09.22 08:45
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Am 2. Oktober finden die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Brasilien statt und die Umfragen zeigen "Lula" da Silva deutlich vor dem amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro, so die Analysten der DekaBank.

Zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang deute vieles auf einen Regierungswechsel hin. Allerdings werde Lula bis zum Stichwahl am 30. Oktober warten müssen, denn eine absolute Mehrheit dürfte ihm im ersten Wahlgang verwehrt bleiben. Der amtierende Präsident Jair Bolsonaro zeige sich trotzdem angriffslustig und habe auch gedeutet, dass er möglicherweise das Ergebnis der Wahl nicht anerkennen würde. Dies wecke Erinnerungen an das Verhalten des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Die Risiken, dass Bolsonaro den Sieg nicht anerkenne, würden sehr stark davon abhängig sein, wie eindeutig das Ergebnis der Wahlen ausfalle, doch aktuell würden die Umfragen auf einen klaren Sieg Lulas hindeuten.

Bolsonaro habe in den vergangenen Monaten mit Wahlgeschenken versucht, die Gunst der Wähler zu gewinnen, wie etwa mit Steuersenkungen - vor allem für Energie und Transport - oder mit der Erhöhung der Transferzahlungen an die ärmeren Haushalte. Die Umfragen würden darauf hindeuten, dass diese Maßnahmen das Wahlergebnis nicht signifikant beeinflussen würden. Sie würden jedoch die fiskalischen Kosten für die nächste Regierung erhöhen, die nun deutlich höher seien, womit die mittelfristige fiskalische Stabilität beeinträchtigt werde.

Die höheren Staatsausgaben in den vergangenen Monaten hätten bereits die Inflation angefeuert und die Arbeit der Zentralbank erschwert. Sie habe den Leitzins deutlich stärker und länger anheben müssen, als zunächst beabsichtigt. Zumindest hätten sich die jüngsten Steuersenkungen Inflationsdämpfend ausgewirkt, sodass die Inflationsrate im August deutlich habe zurückgehen können und erneut einstellig geworden sei (8,7%).

Die Inflationserwartungen seien bereits seit mehreren Wochen rückläufig. Dennoch dürfte die Zentralbank in der kommenden Woche den Leitzins ein letztes Mal auf dann 14% anheben. Die starke geldpolitische Straffung und das notwendige Ende der fiskalischen Stimulierung dürften dafür sorgen, dass die brasilianische Wirtschaft im letzten Quartal schrumpfe. Nach zwei Jahren überdurchschnittlichen Wachstums als Folge der fiskalischen Lockerung werde Brasilien nun die Rechnung bekommen.

Die Regierung Bolsonaro habe in den vergangenen Jahren einen Reformschub gebracht. Im Wahljahr 2022 sei der Ausblick für Reformen aber trübe, weil sich die Parlamentarier auf den Wahlkampf konzentrieren und Wahlgeschenke verteilen würden. Der Wachstumsausblick werde aktuell durch die starke Straffung der Geldpolitik und durch die politische Unsicherheit eingetrübt. Die Rahmenbedingungen für Investitionen würden schwierig bleiben; besonders würden die überbordende Bürokratie, das komplexe Steuersystem und die schlechte Infrastruktur hemmen. Problematisch sei zudem die politische Polarisierung.

Der Ratingtrend Brasiliens habe sich bereits seit 2014 aufgrund der Reformunfähigkeit früherer Regierungen, der schwachen fiskalischen Verfassung und des langfristigen Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit deutlich verschlechtert. Die Regierung Bolsonaro habe zwar mit der Rentenreform einen Meilenstein gesetzt, aber bereits deutlich vor den Wahlen den Reformeifer verloren. Die hohe öffentliche Verschuldung mit mehr als 80% des Bruttoinlandsprodukts sowie die geringe fiskalische Flexibilität würden die größte Belastung für die Bonität darstellen. Aber die Kandidaten würden im Moment nicht erkennen lassen, dass sie die Verschuldung zurückfahren möchten. (Ausgabe vom 16.09.2022) (19.09.2022/alc/a/a)