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Bank of England muss mehr straffen


01.11.22 15:54
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nachdem die ehemalige Premierministerin Truss mit ihren Steuersenkungsplänen den Devisen- und Rentenmarkt verunsichert hatte, kehrte dank eines politischen Kurswechsels vorerst Ruhe ein, so die Analysten der Helaba.

Das Makroumfeld aus hoher Inflation und Rezession bleibe zunächst schwierig, sodass die Märkte noch fragil bleiben würden. Erst im Verlauf von 2023 dürfte sich die Lage deutlicher aufhellen.

Die Teuerung sei knapp über die Marke von 10% gesprungen und werde noch etwas weiter zunehmen. Einen noch heftigeren Anstieg verhindere der staatliche Preisdeckel für Strom- und Gaspreise. Der Zenit dürfte damit aber bald erreicht sein. Allerdings hänge dies auch davon ab, wie sich die Energiepreise weiterentwickeln würden und wann die Regierung den Preisdeckel tatsächlich auslaufen lasse. Zumindest sollte die Energiekomponente - Basiseffekte! - im Laufe des nächsten Jahres die Inflation etwas entlasten.

Jenseits von Energie und Nahrungsmitteln hätten die Preise ebenfalls kräftig zugenommen, die Kernrate habe im September bei 6,5% gelegen. Der im Vergleich zur Eurozone deutlichere Anstieg sei wohl teilweise mit dem Brexit zu begründen. Zum einen seien aufgrund eines Mangels an Arbeitskräften die Löhne stärker gestiegen. Zum anderen könnten Unternehmen höhere Kosten wegen einer geringeren Konkurrenz bislang leichter überwälzen. Die im Zuge der Rezession nachlassende Nachfrage sollte aber letzteres zunehmend erschweren. Daher dürfte auch die Kernrate im Verlauf von 2023 zurückgehen. Die Gesamtinflation könnte im nächsten Jahr von rund 9% 2022 auf 6,5% sinken, was natürlich immer noch sehr hoch wäre.

Die Bank of England (BoE) habe angesichts der hohen Inflation keine Wahl, als die Geldpolitik zu straffen. Gleichwohl habe sie zumindest im Vergleich zur US-Notenbank weniger aggressiv agiert - auch weil sie schon frühzeitig vor einer Rezession gewarnt habe. Vor dem Hintergrund der Marktturbulenzen habe die BoE signalisiert, den Leitzins deutlicher anzuheben. Damit sollte nicht zuletzt das taumelnde Pfund Sterling stabilisiert werden, was tatsächlich gelungen sei. Liefern müsse die Notenbank aber trotzdem. So dürfte sie ihren Leitzins von 2,25% nun zügiger anheben - nicht nur mit Schritten von 50 Basispunkten.

Vermutlich werde der Leitzins bis spätestens im Frühjahr auf zumindest 4,5% steigen. Zusammen mit den ohnehin negativen Konjunktureffekten wegen des Kaufkraftentzugs sollte diese Straffung die Nachfrage und damit auch die Inflation dämpfen. Ein Risiko bestehe jedoch über die Lohnentwicklung. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale erscheine in Großbritannien größer als etwa in der Eurozone und könnte die Notenbank zu noch größeren Anhebungen zwingen. Wahrscheinlicher bleibe aber eine Entspannung der Inflationsproblematik. Daher seien gegen Ende 2023 auch Zinssenkungen nicht auszuschließen.

Britische Staatsanleihen hätten turbulente Tage erlitten. Zehnjährige Papiere, die noch Anfang August unter 2% rentiert hätten, seien in der Spitze auf 4,5% gesprungen. Dies könne nicht nur mit dem internationalen Renditeanstieg und der Erwartung höherer Leitzinsen erklärt werden. Zusätzlich sei die zuvor kaum existierende Risikoprämie auf britische Staatsanleihen nach oben gesprungen. Dies habe der zeitweise kräftige Anstieg der Kreditausfallprämien (CDS) gezeigt. Obwohl die Notenbank in der Theorie den britischen Staat via Gelddrucken immer retten könnte, habe der Rentenmarkt ein klares Misstrauensvotum gegenüber der britischen Politik gegeben. Auch sie könne sich nicht unbegrenzt verschulden, Großbritannien besitze eben nicht mehr die Weltreservewährung.

Hinzu seien Verwerfungen bei Pensionsfonds gekommen. Viele dieser Fonds würden sogenannte LDI (Liability-driven Investment-Strategien) nutzen, um ihre Aktiva und Passiva in der Bilanz anzugleichen. Hierfür würden in der Regel Derivate gekauft. Aufgrund der starken Kursbewegungen und damit einhergehenden Wertverlusten hätten diese Pensionsfonds Sicherheiten nachschießen müssen, d.h. Staatsanleihen verkaufen, was deren Kursverfall verstärkt habe. Erst die Bank of England habe diesen Teufelskreis gestoppt, indem sie kurzzeitig ein neues Kaufprogramm aufgelegt habe, was mittlerweile wieder beendet sei. Zehnjährige Gilt-Renditen lägen derzeit deutlich unter 4%. Mit den weiteren Leitzinsanhebungen dürften die Anleihen aber erneut bei gut 4% rentieren.

Das Britische Pfund sei während der Marktturbulenzen Ende September eingebrochen. Der Euro-Pfund-Kurs sei zeitweise über 0,92 geklettert. Noch heftiger habe das Pfund gegenüber dem Dollar verloren und sei unter 1,04 gefallen. Ähnlich niedrige Pfund-Dollar-Kurse habe es bislang nur Anfang 1985 gegeben. Grundsätzlich habe das Pfund im bisherigen Jahr trotz der leichten Erholung rund 15% gegenüber der US-Währung abgewertet. Selbst gegenüber dem Euro verbleibe immer noch ein Minus. Dies unterstreiche, dass nicht nur die allgemeine Dollar-Stärke das Pfund belastet habe. Neben den politischen Unsicherheiten habe die britische Währung unter dem unguten Mix aus massiver Inflation und drohender Rezession gelitten.

Zudem gebe es noch einen anderen Aspekt: Großbritannien weise ein erhebliches Leistungsbilanzdefizit aus, 2022 voraussichtlich mehr als 5% am BIP. Das bedeute, dass das Land in gleichem Ausmaß ausländisches Kapital anlocken müsse. Das sollte grundsätzlich kein Problem sein und sei es in der Vergangenheit trotz ähnlich hoher Fehlbeträge nicht gewesen. Aber in Krisenzeiten mache es eine Volkswirtschaft anfällig. Vor dem Hintergrund des schwierigen Makroumfelds, der unsicheren innenpolitischen Lage und nicht zuletzt des Brexits sei der britische Standort schon einmal attraktiver gewesen. Dies habe die Krise verschärft und erfordere eine besonders solide Geld- und Finanzpolitik, um die Lage weiter zu stabilisieren.

Gerade in der nahen Zukunft bleibe die Situation in Großbritannien wacklig, die Unsicherheit sei hoch. Könne die Regierung wirklich einen solideren Kurs einschlagen? Würden die Zinserhöhungen ausreichen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen? Deutliche Zinsschritte sollten das Pfund zumindest stabilisieren. Daher dürfte das Pfund in den nächsten Monaten nicht groß vom Fleck kommen, der Euro-Pfund-Kurs im Bereich 0,87 bis 0,88 schwanken, kurzfristig seien größere Ausschläge jederzeit möglich. Aktuell notiere der Euro-Pfund-Kurs mit 0,86 sogar etwas niedriger.

Im zweiten Halbjahr 2023 werde sich dann die konjunkturelle Lage vermutlich merklich aufhellen. Dies sollte ausreichen, dass sich das Pfund gegenüber dem Euro etwas erhole, selbst wenn der Rückenwind von der Geldpolitik nachlasse. Der Euro-Pfund-Kurs dürfte Ende 2023 bei 0,85 notieren. Sofern die allgemeine Dollar-Hausse gegen Ende der FED-Zinserhöhungen auslaufe, könnte sich das Pfund gegenüber dem Dollar sogar stärker erholen. Der Pfund-Dollar-Kurs werde dann vermutlich klar über 1,20 klettern. (01.11.2022/alc/a/a)