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Ausblick auf die FOMC-Sitzung - Wird es der FED gelingen, den großen Koller zu vermeiden?


15.06.22 08:45
Carmignac Gestion

Luxemburg (www.anleihencheck.de) - Die FED ist mit einer Situation konfrontiert, in der erheblicher Handlungsbedarf besteht, so Gergely Majoros, Mitglied des Investment Committees von Carmignac.

Die Inflationserwartungen würden weiter ansteigen und die Wirtschaftsdaten, insbesondere auf der Nachfrageseite, würden sich nicht merklich abkühlen.

Die wichtigste Frage für die Anleger vor der Sitzung in dieser Woche laute daher: Wie sehr werde sich die FED um Rezessionsrisiken und die Volatilität der Märkte kümmern, wenn ihre Priorität die Bekämpfung der Inflation zu sein scheine?

Nach den überraschend hohen Inflationsdaten für Mai seien die Chancen für eine Zinserhöhung um 0,75 Prozent deutlich gestiegen. Der Markt habe allein für die nächsten drei Sitzungen fast 2 Prozent an erwarteten Zinserhöhungen eingepreist, nämlich zwei Erhöhungen um 0,75 Prozent und eine weitere um 0,5 Prozent. Nach Ansicht der Experten spreche jedoch nach wie vor viel für eine Anhebung um 0,5 Prozent in dieser Woche, da eine Anhebung um 0,75 Prozent die derzeitige Unsicherheit und Volatilität an den Zinsmärkten wahrscheinlich verstärken und nicht verringern würde. Dies hindere die FED natürlich nicht, die Zinsen dann zu einem späteren Zeitpunkt um 0,75 Prozent zu erhöhen.

Gleichzeitig werde erwartet, dass die FED ihre Inflationspolitik in den restriktiven Bereich verlagere. Bislang gehe man davon aus, dass die FED die Leitzinsen zügig auf den "neutralen" Wert (2,5 Prozent laut Survey of Economic Projections) zurückführen wolle, wohingegen sich der Endwert am Markt weiter nach oben bewegt hat und heute bei fast 4 Prozent liege.

Die FED habe also im Wesentlichen zwei Strategien. Sie könne entweder beschließen, in dieser Woche stärker zu werden, das heiße die Märkte zunächst zu erschrecken und den Schaden danach gegebenenfalls zu beheben, oder sie könne beschließen, heute weicher zu werden, aber alle verfügbaren Optionen für die absehbare Zukunft auf den Tisch zu legen, ähnlich wie bei der Sitzung im Februar.

In diesem Zusammenhang stünden die Anleger vor einem zunehmenden Dilemma: Einerseits hätten die bereits erwarteten umfangreichen Straffungen dazu geführt, dass die Anleiherenditen in attraktive Bereiche gestiegen seien. So habe beispielsweise die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen 3,3 Prozent erreicht. Ziehe man die Inflationserwartungen von etwa 2,7 Prozent (10-jähriger Break-even) ab, so ergebe sich eine positive Realrendite von etwa 0,6 Prozent. Andererseits sei die Sichtbarkeit der künftigen Inflationsdynamik und damit der künftigen geldpolitischen Ausrichtung der FED nach wie vor sehr gering.

Die derzeitige extreme Volatilität an den Zinsmärkten könnte viele Anleger davon abhalten, ein Long-Engagement an den US-Treasury-Märkten einzugehen. In Anbetracht der bereits eingepreisten erheblichen Straffung, die wiederum die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession im Jahr 2023 weiter erhöhen dürfte, seien die Zinsmärkte nach Ansicht der Experten ihrem Wendepunkt deutlich näher gekommen.

Angesichts dieser Ungewissheit seien sich alle einig, dass die bemerkenswerte Rückkehr der Inflation die Arbeit der FED und ihrer Beobachter sehr viel schwieriger machen werde als in den letzten zehn Jahren. (Ausgabe vom 15.06.2022) (15.06.2022/alc/a/a)