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August 2022 - Zinsen: Die konjunkturelle Abschwächung rückt in den Fokus


02.08.22 09:15
Eurizon Asset Management

Luxembourg (www.anleihencheck.de) - Trotz der immer noch hohen Inflation sinken die langfristigen Zinssätze für Staatsanleihen, so die Experten von Eurizon Asset Management.

Dies sei ein Anzeichen dafür, dass sich die Aufmerksamkeit der Finanzmarktteilnehmer auf die makroökonomische Verlangsamung verlagere.

FED Funds Futures würden die kurzfristigen US-Zinsen weiter nach oben (+200 BP bis Jahresende) diskontieren, würden aber für 2023 eine Senkung um einen Prozentpunkt erwarten. Diese Erwartungen würden auf eine makroökonomische Abschwächung in der zweiten Jahreshälfte 2022 hindeuten, wobei die Inflation zurückgehe. Dann könnte sich die FED darum kümmern, eine übermäßige Verlangsamung zu vermeiden, indem sie die monetären Bedingungen lockere.

Anleger würden nach einer Bestätigung dieses günstigen Szenarios in Form von schwächeren Makrodaten und einer moderaten Inflation Ausschau halten. Positiv in dieser Hinsicht sei der jüngste Rückgang der Industriemetall- und Ölpreise.

In Anbetracht der Wahlen sei die Aufmerksamkeit der Anleger wieder auf Italien gerichtet. Das Thema sei eng verbunden mit den Entscheidungen der EZB. Die Zentralbank habe den Markt sorgfältig auf die Zinserhöhung vorbereitet und den Anti-Spread-Mechanismus überzeugend konzipiert. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei eine Kampagne gegen die EU-Skepsis erforderlich, um eine allzu große Volatilität der italienischen Staatsanleihen zu verhindern.

In China sei es im zweiten Quartal zu einer deutlichen Verlangsamung gekommen, aber die Wiedereröffnung der Märkte und die Lockerung der monetären Bedingungen würden dazu führen, dass sich die Wirtschaft im dritten Quartal wieder beschleunige.

Die Tatsache, dass die Zinsen trotz der immer noch starken Inflation im Juli sinken würden, sei ein Anzeichen dafür, dass sich der Fokus der Anleger von der Inflation auf die weltweite Konjunkturabschwächung verlagere.

Die Erwartungen, die in den kurzfristigen Zins-Futures für die USA und den EUR zum Ausdruck kommen würden, würden das derzeitige Szenario der Anleger widerspiegeln. Die FED Funds dürften bis Ende des Jahres auf 3,4% ansteigen (etwa +150 BP gegenüber dem derzeitigen Niveau). Bis 2023 werde jedoch eine Senkung um etwa einen Prozentpunkt erwartet. Die kurzfristigen US-Zinsen würden dann ab 2024 wieder langsam ansteigen. Was die EZB betreffe, so würden die Geldmarkt-Futures für Ende 2022 einen Zinssatz von 1,5% voraussagen, d.h. +100 BP gegenüber dem derzeitigen Stand, und im nächsten Jahr einen Stillstand, um dann wiederum ab 2024 langsam wieder zu steigen.

Aus makroökonomischer Sicht würden diese Erwartungen auf eine Konjunkturabschwächung in der zweiten Jahreshälfte 2022 und einen damit einhergehenden nachlassenden Inflationsdruck hindeuten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könnten die Zentralbanken dafür sorgen, dass es zu keiner allzu deutlichen Verlangsamung komme: die FED durch eine Lockerung der monetären Bedingungen, die EZB durch eine Aussetzung der Straffung.

Voraussetzung für die Bestätigung dieses günstigen Szenarios sei, dass die Makrodaten in den kommenden Monaten weiterhin eine allmähliche Abschwächung zeigen würden und sich Anzeichen einer moderaten Inflation einstellen würden.

Positiv zu vermerken seien der Rückgang der Industriemetallpreise, der möglicherweise auf einen Nachfragerückgang zurückzuführen sei, und die Rückkehr des Ölpreises unter die Marke von 100 USD pro Barrel. Die Verbraucherpreise würden voraussichtlich ab Juli sinken. Dies werde sich vor allem in den USA bemerkbar machen. Denn in Europa werde der Rückgang des Ölpreises durch den Anstieg des Erdgaspreises ausgeglichen, der durch die Verringerung der Lieferungen aus Russland bedingt sei.

Die größten Nutznießer der makroökonomischen Verlangsamung wären die Kernanleihemärkte, z.B. die USA und Deutschland. Der Rückgang der mittel- und langfristigen Zinssätze in den letzten Wochen zeige bereits, dass sich der Kontext geändert habe.

Die 10-jährige US-Anleihe habe 3,5% erreicht und liege jetzt bei 2,8%, die Bundesanleihe sei von 1,9% auf 0,9% zurückgefallen. Die US-Zinskurve im 10- bis 2-jährigen Bereich sei leicht invertiert (die 2-jährige liege bei 3%). Die Bundesanleihekurve hingegen nicht, denn der Anstieg der kurzfristigen Zinsen (EZB) stehe erst am Anfang, könnte aber noch vor Ende des Jahres erfolgen.

Die langfristigen Zinssätze könnten weiter fallen, solange die makroökonomische Verlangsamung weiterhin im Mittelpunkt stehe. Eine Rückkehr zu den Niveaus der ersten Monate des Jahres, in der Größenordnung von 2% für die US-Anleihen und 0% für Bundesanleihen, scheine jedoch unwahrscheinlich, es sei denn, es komme zu einer abrupten Verlangsamung mit einer echten globalen Rezession.

Zum jetzigen Zeitpunkt würden die kurz- und mittelfristigen Aussichten für die Kernanleihemärkte in jedem Fall günstig erscheinen. Wenn das Szenario einer kontrollierten Verlangsamung eintrete, würden die langfristigen Zinsen nicht steigen, sondern könnten sogar noch weiter sinken. Sollte hingegen das Risikoszenario, d.h. eine ausgewachsene Rezession, eintreten, würden die Zinssätze stark sinken, was einen Schutz für die Portfolios darstellen würde.

Was die Aktien anbelange, so sei festzustellen, dass der Rückgang der langfristigen Zinssätze im vergangenen Monat ausgereicht habe, um die Aktienmärkte wieder nach oben zu treiben. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Aktienbewertungen bereits ein gewisses Maß an makroökonomischer Verlangsamung einkalkulieren würden.

Solange die Erwartungen auf eine kontrollierte Verlangsamung gerichtet sind - und dazu müssen wir die angedeuteten FED-Sätze für 2023 und die Rohstoffpreise verfolgen - könnte die Stabilisierung der Anleihenmärkte ausreichen, um die Aktienmärkte zu stützen, so die Experten von Eurizon Asset Management. Nehme die Wahrscheinlichkeit einer abrupten Verlangsamung zu, könnte die Volatilität jedoch zurückkehren. Jedoch scheine die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios derzeit zu sinken. (02.08.2022/alc/a/a)