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Anschnallen, Augen zu und durch


05.09.22 10:45
Barings

Boston (www.anleihencheck.de) - Was für eine Zeit für die europäischen Zentralbanken: Sie müssen die Verfügbarkeit von Krediten gerade dann einschränken, wenn für viele Haushalte die Bitte um einen Kredit bei ihrer Bank die einzige Möglichkeit ist, eine brutale Einkommenskürzung auszugleichen, kommentiert Agnès Belaisch, Chefstrategin für Europa vom Barings Investment Institute, die kommende Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag.

Leider könne keine Zentralbank die Ursache der Krise beeinflussen: Energie sei knapp geworden und die Zentralbanken müssten die Nachfrage senken, um das knappe Angebot zu decken.

Wie von EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel in Jackson Hole angekündigt, werde die Europäische Zentralbank an diesem Donnerstag versuchen, das wirtschaftliche Ungleichgewicht mit Schmerzen zu beseitigen. Wahrscheinlich werde sie die Zinsen um bis zu 75 Basispunkte anheben, um die Verbraucher zum Sparen zu bewegen - bei Gas, Strom, Lebensmitteln, Waren und auch Dienstleistungen - und so die Nachfrage auf breiter Front zu senken.

Diese deutliche Zinserhöhung werde nichts zur Rettung des Euro beitragen. Eine Rezession stehe bevor und die geopolitischen Bedenken würden sich der Kontrolle entziehen. Tatsächlich sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass steigende Zinssätze mit Inflation und Rezession im Jahr 2023 zusammenfallen würden. Die Geldpolitik wirke mit Verzögerung und der Einfluss höherer Energiekosten auf die Preise für Güter und Dienstleistungen werde die Inflation begünstigen. Auch die von den Regierungen festgelegten Obergrenzen für Gas- und Strompreise müssten später ausgeglichen werden, um die Lieferanten für Verluste zu entschädigen. Die Inflation werde fortbestehen, während die Wirtschaftstätigkeit zum Erliegen komme. Die EZB werde 2023 nicht aufhören, die Zinsen zu erhöhen.

Diese Zeit der Inflation könne kurz sein. Das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, das nie so ganz genau passe, werde Überkapazitäten schaffen. Die Vermeidung der Lohnindexierung wie in Deutschland, wo die Regierung beschlossen habe, den größten Teil der Einkommensteuer auf einmalige Gehaltszahlungen abzuschaffen, werde die Dauer begrenzen. Und hoffentlich würden die höheren Energiepreise Anreize für neue Angebote schaffen.

Langfristig gesehen gebe es auch einen Silberstreif am Horizont. Der Zwang zum Energiesparen könne das Verhalten für immer verändern. Man wisse, dass der Klimawandel eine Verringerung des Energieverbrauchs erfordert, denn saubere Energiequellen würden niemals in der Lage sein, 100 Prozent des Verbrauchs an fossilen Brennstoffen zu ersetzen. In zehn Jahren werde man wissen, ob diese Krise ein Wendepunkt gewesen sei, der in die Geschichtsbücher eingehe. Kurzfristig sei es wohl besser, sich anzuschnallen. (05.09.2022/alc/a/a)