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Anleihen bleiben attraktiver als Aktien, überwiegend milde Rezessionen erwartet


03.01.23 14:30
Swisscanto

Zürich (www.anleihencheck.de) - Die konjunkturellen Aussichten haben sich in letzter Zeit nicht verbessert, so die Experten von Swisscanto.

Nach wie vor würden wichtige Vorlaufindikatoren nach unten weisen und noch keine konjunkturelle Trendwende erkennen lassen. Die Experten würden deshalb weiterhin damit rechnen, dass die Wirtschaft in der Eurozone, in Großbritannien, in Australien und in einigen Schwellenländern mindestens zwei Quartale lang schrumpfen werde. Die Rezessionen dürften zum Glück aber milde und vergleichsweise kurz ausfallen, denn die nach wie vor robusten Arbeitsmärkte und die immer noch vorhandenen Überersparnisse aus der Coronapandemie würden für einen willkommenen Puffer sorgen.

Hinzu kämen tiefere Energiepreise, die sich vor allem für Europa konjunkturstützend auswirken würden. Knapp an einer Rezession vorbeischrammen dürfte gemäß der Prognose der Experten die USA und Kanada, wobei das Risiko einer schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung zugegebenermaßen hoch sei. Für die globale Wirtschaft insgesamt würden die Experten 2023 mit einer bescheidenden Wachstumsrate von 1,6 Prozent rechnen. Der konjunkturelle Tiefpunkt dürfte dabei im ersten Halbjahr 2023 erreicht werden. Die Erholung in der zweiten Jahreshälfte dürfte aber nur schwach ausfallen, da anders als bei früheren Rezessionen der Anschub durch tiefere Leitzinsen diesmal ausbleibe.

Besonderes Augenmerk gelte zurzeit China. Die überstürzte und wenig vorbereitete Abkehr von der seit drei Jahren mit aller Härte durchgesetzten Null-Covid-Strategie führe zu einer chaotischen Übergangsphase. Kurzfristig würden Arbeitsausfälle, die Überlastung des Gesundheitswesens und eine stark verunsicherte Bevölkerung die Wirtschaft nochmals erheblich belasten. Mittelfristig überwögen nach Meinung der Experten aber die positiven Aspekte. Sie hätten deshalb ihre Wachstumsprognose für China sowohl für 2023 als auch für 2024 etwas angehoben. Die Prognoseunsicherheit sei allerdings hoch.

Auch die Ausgangslage für die Finanzmärkte sei zu Ende des Jahres weiterhin heikel und von großer Unsicherheit geprägt. Die Notenbanken hätten zwar auf eine langsamere geldpolitische Anpassung umgeschwenkt, das Ende der Leitzinserhöhungen sei aber erst Ende des ersten Quartals 2023 zu erwarten und eine geldpolitische Lockerung sogar erst 2024. Gleichzeitig würden die Wachstumsaussichten vorderhand schwach bleiben und manche Volkswirtschaften würden schrumpfen, bevor sich die Aussichten schrittweise aufhellen würden.

Die Aktienmärkte hätten zwar schon kräftig Federn gelassen, würden nach Ansicht der Experten aber die negativen Auswirkungen einer Rezession auf die Unternehmensgewinne unterschätzen. Die Gewinnerwartungen für die nächsten zwölf Monate seien zwar zurückgekommen, lägen aber in allen Regionen immer noch über der Nulllinie. Die Experten würden deshalb mit einer vorsichtigen Anlagepolitik in das neue Jahr starten und Anleihen klar den Vorzug gegenüber Aktien geben.

Die geldpolitische Entwicklung habe 2022 im Fokus der Anleihenmärkte gestanden. Die Notenbanken hätten die Leitzinsen stark angehoben und ihre Wertpapierbestände reduziert. Das habe sich auch erheblich auf Obligationen mit längeren Laufzeiten ausgewirkt. Die Verfallsrenditen von Staatsanleihenindices würden im Vorjahresvergleich auf deutlich höheren Niveaus notieren. Finanzmarktinvestoren würden von einem höheren Renditeniveau profitieren, und die Chance auf weitere Kursgewinne bei sinkender Inflation sei intakt.

Der Anstieg der Konsumentenpreise liege in den meisten Regionen noch deutlich über dem Notenbankziel. Gemäß jüngsten Indikationen sei die Inflation jedoch rückläufig. Das bedeute, dass auch der Gegenwind der Geldpolitik abnehmen werde. Im ersten Quartal würden die konjunkturellen Vorlaufindikatoren in vielen Regionen noch abwärtsgerichtet sein. Das spreche für eine stabile Nachfrage nach Obligationen, vorerst im höheren Bonitätssegment. Falle der Vorlaufindikator der US-Industrie (ISM), so seien in der Vergangenheit auch die Renditen von zehnjährigen US-Staatsanleihen gefallen.

Historisch betrachtet sei die Wahrscheinlichkeit von zwei aufeinanderfolgenden negativen Aktienjahren gering, aber nicht null. Nach dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrtausends sei der MSCI Welt sogar drei Jahre in Folge gesunken. Obwohl die Experten zunächst noch mit erhöhter Unsicherheit rechnen würden, seien sie für 2023 allerdings insgesamt verhalten optimistisch.

Solange die großen Zentralbanken keine Entwarnung bei der Inflationsbekämpfung geben und die konjunkturellen Frühindikatoren nach unten weisen würden, dürften die Aktienmärkte kaum steigen. Denn eine derartige Entwicklung lasse die Gewinnprognosen für die Unternehmen weiter fallen und biete auch keine Grundlage für wieder mehr Risikofreude der Anleger, die sich in steigenden Bewertungen der Märkte widerspiegeln würde. Sobald jedoch die Frühindikatoren nach oben drehen würden, hätten auch Aktien wieder mehr Potenzial. Den Wirtschaftsprognosen der Experten zufolge wäre im Laufe des zweiten Quartals damit zu rechnen.

Die chinesische Regierung habe im Dezember weitere Öffnungsmaßnahmen beschlossen und die Abkehr von der Zero-Covid-Strategie beschleunigt. Dadurch werde das Reich der Mitte aktuell von einer heftigen Coronawelle heimgesucht, das mittelfristige konjunkturelle Bild habe sich dennoch aufgehellt. Davon sollten auch australische Unternehmen profitieren. Die Experten würden zwar vor allem wegen der konsumbremsenden Effekte der rückläufigen Immobilienpreise und der steigenden Refinanzierungskosten bei Hypotheken mit einer milden Rezession im Sommerhalbjahr rechnen, gleichwohl dürfte aber die konjunkturelle Beschleunigung in China die Exportwirtschaft Australiens beflügeln.

Darüber hinaus würden sich die Gewinne australischer Unternehmen trotz der wirtschaftlichen Verlangsamung als robust erweisen. Vergleiche man die Gewinn- und Umsatzwachstumserwartungen mit denen des Weltindexes, falle eine deutliche Verbesserung auf. Dies lasse auf eine robustere Margenentwicklung schließen als in anderen Regionen.

Gold habe sich historisch über die Konjunkturphasen gerade gegenläufig zum gesamten Rohstoffkomplex entwickelt und insbesondere in den Phasen "Rezession" und "Erholung" die beste Performance aufgewiesen. Das Edelmetall sei 2022 durch einen starken US-Dollar und deutlich steigende Realrenditen belastet worden. Der Dollar dürfte vorerst zwar nochmals zulegen, die Experten würden aber glauben, dass sowohl bei der US-Währung wie auch bei den Realrenditen der Höhepunkt bereits hinter uns liege. Gleichzeitig zeichne sich ein Ende der Abflüsse aus den Gold-ETF ab. Dies spreche für einen Einstiegszeitpunkt. (Ausgabe Januar 2023) (03.01.2023/alc/a/a)