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Anleihen aus Schwellenländern: Mehrere Schockwellen


10.11.22 10:15
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Emerging-Markets-Anleihen wurden in den letzten Jahren im Wesentlichen von drei großen Schockwellen getroffen, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Es handle sich dabei um Folgendes:

1. Lieferkettenprobleme (US-Handelskrieg mit China, Pandemie),
2. Kehrtwende der US-Notenbank sowie
3. Inflationsanstieg und geopolitische Eskalation (Ukrainekrieg, Taiwan, Konfrontation China-Russland vs. westliche Staaten).

Das habe unter anderem zu anhaltenden Kapitalabflüssen bei Schwellenländer-Anleihen geführt. Viele Emerging-Markets-Währungen hätten zudem deutlich abgewertet, die Renditen seien kräftig angestiegen. Letzteres sei bei Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen als Kombination aus steigenden US-Staatsanleiherenditen und höheren Risikoaufschlägen erfolgt.

Es seien nicht nur fundamentale wirtschaftliche Faktoren, welche die Risikoaufschläge nach oben treiben würden, sondern auch sehr starke politische Faktoren und Risiken. Letztere würden vor allem die Refinanzierung betreffen. Wer könne sich zu welchen Konditionen bei wem finanzieren und zu welchen politisch-wirtschaftlichen Konditionen? Die globale Liquiditätsverknappung, höhere US-Zinsen und der steigende US-Dollar würden dabei als sich gegenseitig verstärkende Negativ-Effekte wirken. Dieselbe Dynamik könne nach einer Trendwende - aber auch in Gegenrichtung - entsprechend positiv zum Tragen kommen.

Schwellenländer-Anleihen in US-Dollar würden inzwischen im Durchschnitt knapp 10% Rendite aufweisen. Investiere man in Euro, würden - nach Abzug etwaiger Absicherungskosten für das Wechselkursrisiko zwischen Euro und US-Dollar - aktuell noch immer über 6% Rendite übrigbleiben. Das sei zweifelsohne attraktiv und entschädige schon für etliche (Refinanzierungs-)Risiken, auch wenn die eigentliche weltwirtschaftliche Verschlechterung höchstwahrscheinlich noch nicht ihren Tiefpunkt erreicht habe und weitere Liquiditätsverknappungen drohen würden.

Erhebliches Ertragspotenzial bestehe sowohl über sinkende Renditen als auch aufgrund fallender Risikoaufschläge. Dies werde vor allem dann eintreten, wenn die Inflation spürbar zurückgehe und/oder die US-Notenbank die Zinsanhebungen verlangsame bzw. diese stoppe, sodass damit zugleich die Refinanzierungsrisiken sinken würden. Ein Risiko zu diesem Ausblick sei, dass weitere weltwirtschaftliche Verwerfungen und geopolitische Ereignisse die Energie- und Lebensmittelpreise neuerlich würden anziehen lassen, wodurch die Inflation länger als derzeit erwartet hoch bleibe. Speziell in den kommenden Wochen und Monaten könne auch der US-Dollar weiter aufwerten, wodurch sowohl Renditen als auch Risikoaufschläge nochmals ansteigen könnten.

Beim Thema Inflation gebe es Anzeichen für eine bevorstehende Trendwende. In China seien die Lager gefüllt wie noch nie. Für viele Konsumgüter werde ein Preisdruck nach unten die fast unvermeidliche Folge sein. Hinzu komme, dass parallel dazu die Nachfrage schwächele: Durch die gestiegenen Ausgaben für Energie und Nahrungsmittel hätten Konsumentinnen und Konsumenten weltweit viel weniger Geld für nicht lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen. Zudem würden die starken Energiepreisanstiege im Frühjahr und Sommer nach und nach aus den neuen Inflationsraten herausfallen, was den so genannten Basiseffekt darstelle. Auch beim US-Arbeitsmarkt werde sich - zwar langsam, aber doch - Entspannung einstellen. All das werde es der US-Notenbank erlauben, die Zinsanhebungen zu pausieren bzw. zu beenden. Möglicherweise müsse sie sogar bereits 2023 über mehr oder minder starke Zinssenkungen nachdenken - je nach Konjunktur- und Inflationsverlauf.

Die Finanzmärkte würden aber nicht warten bis die Notenbank die Geldpolitik tatsächlich ändere, sondern versuchen, dies bereits vorwegzunehmen oder vorab einzupreisen. Eine Trendwende bei Inflation und US-Zinsen würde zugleich die Refinanzierung für die meisten Schwellenländer deutlich erleichtern. Es gebe insgesamt zweifellos eine gute Chance, dass es bei den Anleihekursen trotz derzeit noch bestehender Risiken und Unwägbarkeiten in den kommenden sechs Monaten zu einer Bodenbildung und Trendumkehr komme. Langfristig würden bei Schwellenländer-Anleihen aus unserer Sicht inzwischen deutlich die Chancen den Risiken überwiegen.

Zwei Faktoren dürften langfristig zusätzlich unterstützend für Emerging-Markets-Anleihen wirken: Zum einen seien die meisten international agierenden Investorinnen und Investoren entweder unterdurchschnittlich oder stark unterdurchschnittlich in Schwellenländer-Anleihen engagiert, vor allem bei Lokalwährungsanleihen. Das Potenzial für weitere Kapitalabflüsse sei damit deutlich reduziert, während das Potenzial für Zuflüsse erheblich höher sei, sofern sich ein neuer Aufwärtstrend etabliere.

Zum zweiten seien viele Schwellenländer geopolitisch in einer neuen Situation: Sie seien bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Finanzierungen wie in den Jahrzehnten zuvor nicht mehr nur Bittsteller, sondern würden jetzt von mehreren Seiten stark umworben - vor allem, wenn sie geostrategisch von Interesse seien. Sowohl China als auch das westliche Lager würden durchaus kräftig um die Gunst bestimmter Schwellenländer buhlen, was diesen beispielsweise eine bessere Verhandlungsposition bei etwaigen Umschuldungen oder Refinanzierungen biete. (Ausgabe vom 03.11.2022) (10.11.2022/alc/a/a)