Anleihen: Verschnupfte Reaktion auf größte Zinserhöhung in der Geschichte der EZB


09.09.22 16:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach der Ankündigung der größten Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank in ihrer Geschichte hat EZB-Chefin Christine Lagarde weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt, so die Deutsche Börse AG.

Die Zinsen seien noch weit von dem Niveau entfernt, das die Inflationsrate zurück auf 2 Prozent bringe. Wo der Höhepunkte bei den Zinsen liege, sei offen geblieben.

"Wir rechnen mit einer Zinserhöhung um 50 Basispunkte im Oktober und weiteren Erhöhungen des Einlagensatzes auf 1,75 Prozent bis Anfang nächsten Jahres", kommentiere Martin Hartmann von der Commerzbank. Die EZB sähe den neutralen Zinssatz zwischen 1 und 2 Prozent, der damit erreicht wäre. Dann wäre eine Unterbrechung denkbar: "Wegen der dann von uns erwarteten Rezession halten wir es für wahrscheinlich, dass die EZB ihren Zinserhöhungszyklus dann unterbrechen könnte."

Die Rentenmärkte hätten mit Kursverlusten reagiert, obwohl der Zinsschritt auch in seiner Höhe mehrheitlich erwartet worden sei. Die Renditen seien über Laufzeiten gestiegen. Die zehnjährige Bundrendite notiere bei 1,74 Prozent und damit nahe an dem bisherigen Hoch, das sie in diesem Zinserhöhungszyklus erreicht habe. Es habe im Juni bei 1,77 Prozent gelegen.

Arthur Brunner von der ICF Bank habe angesichts des Renditeanstiegs von einer überraschenden Reaktion des Marktes gesprochen; die Erhöhung sei in diesem Maße erwartet worden. "Die EZB hat einen historischen Schritt getan. Er hatte sich angedeutet, weil die Inflation die EZB zwingt, der FED auf einem straffen Zinserhöhungspfad zu folgen", kommentiere Brunner. Die Klarheit der EZB sei in dieser Form selten.

Das Rückschlagpotenzial am Anleihenmarkt sei nun deutlich höher als das Aufwärtspotential, schätze Tim Oechsner von der Steubing AG die Lage ein. Die Zinsen dürften über Monate weiter steigen. "Die Zeit für eindeutige Neupositionierungen ist noch nicht da, denn die Stimmung am Anleihenmarkt ist und bleibt fragil." Der Trend fallender Kurse und steigender Renditen halte an. "Zehnjährige Renditen von 2 bis 2,2 Prozent bis Jahresende und ein Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) bei 140 werden nicht mehr ausgeschlossen."

Auf dem internationalen Parkett habe Brunner größere Käufe von US-Anleihen registriert, deren Rendite für zehnjährige Papiere bei 3,3 Prozent liege. Im Vorfeld des EZB-Entscheids hätten sich nach seinen Angaben verschiedene Volkswirtschaften noch langfristig am Zinsmarkt positioniert. So habe nach Angaben von Brunner Italien Schuldpapiere (ISIN IT0005508590 / WKN A3K88Y) begeben, die bis 2035 laufen und 4 Prozent Kupon aufweisen würden. Frankreich habe eine Anleihe (ISIN FR001400CMX2 / WKN A3K88V) mit einer Laufzeit bis 2043 für 2,5 Prozent Kupon begeben.

Insgesamt nehme die Aktivität nach den Ferien allmählich zu, schätze Oechsner die Marktlage ein. Vor allem im Vergleich zur Vorwoche sei deutlich mehr Umsatz in den Orderbüchern zu verzeichnen. "Die Anleihenkäufer bleiben zwar vorsichtig, selektiv sehen wir aber Käufe in ausgewählten Titeln, vor allem im Bereich zwei- bis vierjähriger Papiere mit guter Bonität." So werde etwa ein RWE-Papier favorisiert, das 2,5 Prozent pro Jahr an Zinsen bringe und bis 2025 laufe.

"Der weitere Weg der EZB scheint nach der historischen Zinserhöhung ein Stück weit vorgezeichnet, sodass vor allem mittlere Laufzeiten gefragt sind", bestätige Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank den Fokus der Marktteilnehmer*innen im Tagesgeschäft. So seien Papiere der Telekom, von Volkswagen sowie thyssenkrupp derzeit gefragt. Außerdem sei bei seinen Kund*innen mit Fokus auf den Mittelstand eine 4-Prozent-Anleihe (ISIN XS1853998182 / WKN A2LQ0B) von Otto ohne Laufzeitbegrenzung gesucht. "Anfang der Woche war die Anleihe noch verkauft worden, zum Wochenende ist sie gesucht, ohne dass die Nachrichtenlage Anlass dazu gibt."

Unter den Mittelstandspapieren bei der ICF Bank würden Fiven-Anleihen gekauft. Während die Papiere des norwegischen Herstellers von Siliziumcarbid Ende August noch bei 97 notiert hätten, seien es nun 99,50 Prozent. Zeitweise seien die Titel mit Laufzeit bis 2024 und 6,85 Prozent Kupon auf 102 Prozent gestiegen. Darüber hinaus sei die Kaufseite im Orderbuch von Grenke Finance sehr ausgeprägt. Brunner vermerke zudem kräftige Käufe über die gesamte Woche bei BASF, deren Anleihe bis 2025 jährlich einen Kupon von 0,825 Prozent habe. (09.09.2022/alc/a/a)





hier klicken zur Chartansicht

Aktuelle Kursinformationen mehr >
Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
141,4149 140,7507 0,6642 +0,47% 01.01./01:00
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
DE0009652644 965264 174,94 135,54
Werte im Artikel
98,70 plus
+1,29%
97,42 plus
+1,21%
141,41 plus
+0,47%
94,76 plus
+0,46%
97,70 plus
+0,13%
98,18 plus
+0,08%
96,55 plus
+0,06%
96,75 minus
-0,51%