Anleihen: Verlustfahrt hält an - Märkte erwarten nächste große Zinserhöhung der FED


19.09.22 09:15
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die erwartete nächste Zinserhöhung der US-Notenbank FED am kommenden Mittwoch belastet die Anleihenmärkte schon im Vorfeld, so die Deutsche Börse AG.

An den Zinserwartungen dürften auch schwache US-Konjunkturdaten nichts ändern: Nach Einschätzung der Commerzbank hätten zwar die jüngsten US-Konjunkturdaten wie der Philly-FED-Index diese Woche die Erwartungen verfehlt, aber: "Trotz der sich teilweise eintrübenden Datenpunkte bleibt in Summe das Bild bestehen, dass die US-Wirtschaft noch weit von einer Rezession entfernt ist. Dies, gepaart mit dem robusten Arbeitsmarkt, dürfte dazu führen, dass die FED nächste Woche erneut deutlich die Zinsen anheben wird. Wir rechnen weiterhin mit einem 0,75%-Zinsschritt", kommentiere David Kepper.

Da die Mehrheit der Marktteilnehmer diesen großen Zinsschritt der FED für den 21. September prognostiziere, würden die Rentenmärkte weiter nachgeben. Die Renditen würden über alle Laufzeiten steigen, wenngleich weniger stark als in der Vorwoche. Die zehnjährige Bundrendite notiere bei 1,76 Prozent, zehnjährige US-Titel bei 3,48 Prozent.

Arthur Brunner von der ICF Bank verweise auf die Inflationsdaten, die zu Wochenbeginn die Marktmeinung weiterer Leitzinserhöhungen durch die FED unterstrichen hätten: "Negativ beeindruckt hat vor allem die Kernrate mit 6,3 Prozent." Das sei nicht erwartet worden. "Diese Zahl ging wie ein Beben durch die Märkte und ließ die Renditen weiter steigen." Vor allem die kurzlaufenden US-Staatsanleihen hätten angezogen auf 3,9 Prozent. "Damit ist die US-Zinskurve invers", erläutere Brunner. Das heiße, dass die langlaufenden US-Schuldtitel über 30 Jahre niedriger rentieren würden als die kurslaufenden. Eine inverse Zinskurve gelte als Rezessionsindikator.

"Die Anleger sind zunehmend nervös vor der FED-Sitzung, die Kurse sind weiterhin volatil", beschreibe Tim Oechsner von der Steubing AG die Stimmung. Jede Wortmeldung der Notenbanker werde verarbeitet: "Konjunkturskeptische Töne ziehen lockerere Kommentare bezüglich der (Leitzins-) Zinsentwicklung nach sich und lassen am US-Anleihenmarkt die Kurse steigen; Kommentare von Konjunkturoptimisten, die eine straffe Geldpolitik fordern, bringen Kursverluste mit sich."

Vor den erwarteten weiteren Zinserhöhungen insbesondere der US-Notenbank FED, die sehr konsequent vorgehe, würden Neuemissionen am Anleihenmarkt zunehmen: "Viele Unternehmen und Staaten drängen in den Markt", beobachte Oechsner die Lage. Im Vergleich zur Vorwoche sei deutlich mehr Umsatz in den Orderbüchern zu verzeichnen. Brunner bestätigt: "Vor allem Unternehmen sind besorgt, dass Finanzierungen noch teurer werden, und so kommt eine regelrechte Flut neuer Anleihen auf den Markt."

Unter den Emittenten sei Fresenius Medical Care mit einer Anleihe (ISIN XS2530444624 / WKN A30VPB) bis 2027 und 3,875 Prozent Kupon. Nach Ausgabe bei 99,63 Prozent falle sie marktbedingt allerdings auf 98,28 Prozent, berichte Brunner. Attraktive Konditionen biete nach seiner Ansicht ein Papier von Schletter International. Die Anleihe mit drei Jahren Laufzeit habe eine variable Verzinsung, die aus dem 3-Monats Euribor plus 675 Basispunkten bestehe. Der EURIBOR sei der Zins, zu dem sich Banken kurzfristig untereinander Geld leihen würden.

Brunner registriere zudem eine erneut hohe Nachfrage - wie schon in der Vorwoche - bei BASF, deren Anleihe (ISIN XS1823502650 / WKN A2LQ5G) bis 2025 jährlich einen Kupon von 0,825 Prozent habe.

Der Logistik-Dienstleister R-Logitech habe die Platzierung einer neuen fünfjährigen Anleihe (ISIN DE000A19WVN8 / WKN A19WVN) bis 2027 im Volumen von 250 Millionen Euro beschlossen, berichte Oechsner. Der Netto-Erlös aus der Privatplatzierung werde zur Rückzahlung einer im Frühjahr 2023 fälligen Anleihe mit 8,5 Prozent Kupon verwendet werden. "Bestehende institutionelle Inhaber können ihre Schuldverschreibungen im Rahmen einer Privatplatzierung in neue Schuldverschreibungen umtauschen, wobei die endgültigen Bedingungen in der Woche ab dem 19. September 2022 festgelegt werden sollen."

Doch nicht alle Emissionsvorhaben seien im aktuellen Umfeld realisierbar: Die Grenke AG habe die Platzierung einer Anleihe über 250 Millionen Euro mit drei Jahren Laufzeit verschoben." Nach Angaben von Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank sei die Nachfrage zu gering gewesen. Von den erwarteten bzw. geplanten 250 Millionen Euro seien nur 150 Millionen Euro realisierbar. Im Zuge dieser Meldung lasse das Interesse an anderen Grenke-Bonds nach, erkläre Daniel die Marktreaktionen. "Die Anleger wollen sich hier aktuell nicht engagieren. Solche Meldungen mahnen zur Vorsicht."

"Nach Angaben von Bloomberg haben in diesem Jahr 34 Emittenten Anleiheemissionen zurückgezogen - dreimal mehr als 2021", kommentiere Brunner den Rückzug Grenkes - des ersten Unternehmens seit Juli vom Anleihenmarkt, das eine Emission verschiebe. "Staaten und bonitätsstarke Unternehmen haben aber weiterhin kein Problem, sich Kapital zu beschaffen - schwieriger wird es allerdings für die zweite Reihe."

Im volatilen Umfeld würden wenige Papiere hervorstechen. Daniel verweise aber auf überdurchschnittliche Kursgewinne einer Lufthansa-Hybridanleihe mit Laufzeit bis 2075 und 4,382 Prozent Kupon. "Das Papier war von 81 auf 92 Prozent gestiegen." Die Lufthansa habe zuvor angekündigt, Zinsrückstände dieser Anleihe, die zwischen 12. Februar 2021 und 12. Februar 2022 aufgelaufen seien, zum 10. Oktober dieses Jahres nachzuholen. "Das Interesse an der Anleihe war danach extrem hoch", berichte Daniel. Mittlerweile seien die Umsätze aber wieder zurückgegangen. Der Kurs sei zuletzt auf 88,40 Prozent gesunken. (Ausgabe vom 16.09.2022) (19.09.2022/alc/a/a)






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XS2530444624 A30VPB 99,00 € 95,83 €
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