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Anleihen: Ist der Bärenmarkt überstanden?


22.09.22 12:30
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die vergangenen zwölf Monate waren für den globalen Anleihemarkt die schlimmsten aller Zeiten, so David Riley, Chief Investment Strategist bei BlueBay Asset Management.

Der Bloomberg Global Aggregate Bond Index sei ausgehend von seinem Höchststand Anfang vergangenen Jahres um mehr als 20 Prozent gesunken. Der Grund dafür liege in den Zinserhöhungen der Zentralbanken, mit denen die Notenbanker verspätet versuchen würden, die sich auf dem höchsten Stand seit mehreren Jahren befindende Inflation einzudämmen. Anleger würden sich nach dieser dramatischen Neubewertung fragen, ob die weltweite Anleihebaisse nun vorbei sei.

Die gute Nachricht für Investoren sei, dass aufgrund des Bärenmarkts negativ verzinste Anleihen der Vergangenheit angehören würden, festverzinsliche Wertpapiere wieder laufende Erträge abwerfen würden und Chancen bei Unternehmensanleihen entstanden seien. Die schlechte Nachricht sei jedoch, dass die Inflation noch nicht gebändigt und der Zinserhöhungszyklus der Zentralbanken noch nicht abgeschlossen sei. Die Herausforderung für Anleger bestehe nun darin, die sich bietenden Gelegenheiten zu nutzen.

Die Renditen vieler sicherer Staatsanleihen seien auf dem höchsten Stand seit der globalen Finanzkrise 2008/2009. Der Anstieg sei jedoch größtenteils mit zunehmenden mittelfristigen Inflationserwartungen einhergegangen. Während US-Staatsanleihen mit Blick auf die Inflationserwartungen positive Realrenditen bieten würden, seien diese in Europa weiterhin negativ. Auch wenn der Inflationsanstieg insbesondere auf die Corona-Pandemie und den Anstieg der Energiepreise zurückzuführen sei: Die Zentralbanken würden die Zinsen so lange anheben, bis sie davon überzeugt seien, dass die Teuerung wieder in Richtung des Zielwerts zurückgehe.

Dennoch würden Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten attraktiv für Anleger bleiben, die ihre wachstumssensibleren Portfoliobestandteile diversifizieren möchten. Die Aussichten für die Weltwirtschaft würden sich verschlechtern, da wiederholte Corona-Lockdowns und ein Immobiliencrash die chinesische Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würden und Europa durch die von Russland ausgelöste Energiekrise in eine Rezession geraten dürfte.

Ein stärker als erwartet ausfallender globaler Wirtschaftsabschwung werde den Rückgang der Inflation beschleunigen, die Zinserwartungen senken und zu einer Erholung bei Anleihen führen. So könnten sie dazu beitragen, Verluste aus wachstumssensibleren Anlagen im Portfolio auszugleichen.

Unternehmensanleihen hätten in diesem Jahr aufgrund höherer Zinsen, aber auch aufgrund einer deutlichen Ausweitung der Spreads eine deutliche Preisanpassung erfahren würden. US-Unternehmensanleihen mit einem sogenannten Junk-Rating würden derzeit eine Rendite von 8,5 Prozent bieten. Damit liege sie deutlich über der mittelfristig erwarteten Teuerung und sogar höher als die aktuelle Spot-Inflation. Das Refinanzierungsrisiko sei sehr gering und die durchschnittliche Anleihequalität der Unternehmen am Hochzinsmarkt sei so hoch wie nie zuvor. Spreads in Höhe von rund 500 Basispunkten - oder 5,0 Prozent - für hochverzinsliche US-Unternehmensanleihen würden die Anleger nach Erachten der Experten angemessen für die erwarteten steigenden Ausfallraten in den kommenden 12 Monaten entschädigen.

In Europa würden Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating eine Rendite von knapp 3,75 Prozent bei einem Renditeaufschlag von rund 200 Basispunkten erzielen - ein Niveau, das nur während der globalen Finanzkrise und der Staatsschuldenkrise in der Eurozone über einen längeren Zeitraum hinweg höher gewesen sei. Nach Ansicht der Experten würden die aktuellen Spreads eine Rezession in Europa und deren vermutlich negative Auswirkungen auf die Bonität von Unternehmen vollständig einpreisen.

Anlegern auf der Suche nach höheren Erträgen würden nachrangige Schuldverschreibungen europäischer Banken wie CoCo-Anleihen eine Rendite von fast 10 Prozent bieten. Diese liege damit deutlich höher als die Dividendenrendite europäischer Bankaktien - bei geringerer Volatilität und niedrigerem Rückschlags-Risiko. Das Eigenkapital der europäischen Banken sei so hoch wie nie zuvor und die Institute hätten erhebliche Rückstellungen für potenzielle Kreditausfälle gebildet.

Die Analyse der Experten deute darauf hin, dass das Risiko einer Aussetzung der Kupons von CoCo-Bonds sehr gering und die Gefahr einer Umwandlung in Eigenkapital noch niedriger sei. Aus ihrer Sicht würden die Marktteilnehmer die Bankschuldtitel aufgrund der schlechten Erinnerungen an die globale Finanzkrise falsch bewerten. Obwohl CoCo-Bonds volatil sein können, halten sie die Experten von BlueBay Asset Management daher für interessant.

Für mutige Anleger würden Staats- und Unternehmensanleihen aus den Schwellenländern zahlreiche gute Gelegenheiten bieten. Die Zentralbanken mehrerer aufstrebender Volkswirtschaften hätten im vergangenen Jahr mit aggressiven Zinserhöhungen den Weg dafür geebnet, dass sich ihre Währungen trotz des US-Dollar-Höhenflugs gut halten würden. Die Inflation und die Zinssätze der Notenbanken dürften ihren Höchststand erreicht haben und würden Potenzial für Kurssteigerungen sowie einen laufenden Ertrag durch die wesentlich höheren Staatsanleiherenditen als in den entwickelten Märkten bieten.

Der JP Morgan-Index für Staatsanleihen der Schwellenländer in Hartwährung weise trotz eines durchschnittlichen Investment-Grade-Ratings eine Rendite von fast 8 Prozent auf. Weil die Fundamentaldaten von Staats- und Unternehmenspapieren in den Schwellenländern stark divergieren würden, gelte aber "caveat emptor": möge der Käufer sich in Acht nehmen.

Es sei noch nicht an der Zeit, das Ende des Bärenmarktes für Anleihen auszurufen: Die Zentralbanken würden die Zinssätze aggressiv anheben, nachdem sie zuvor nicht auf die hohe und steigende Inflation reagiert hätten. Dennoch seien die Renditen für Kernsegmente aus dem Bereich festverzinslicher Wertpapiere inzwischen so hoch, dass sichere Staatsanleihen eine gewisse Portfolioabsicherung gegen einen schweren globalen Wirtschaftsabschwung bieten könnten. Ebenfalls interessante Chancen gebe es nach Meinung der Experten insbesondere bei europäischen Investment-Grade-Anleihen und nachrangigen Bankanleihen, bei hochverzinslichen US-Unternehmens- und selektiv auch bei Schwellenländerpapieren. (22.09.2022/alc/a/a)