Anleihen-Handel: Renditen auf Mehrjahreshochs


03.06.22 15:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Dass nun auch die EZB auf die Bremse treten will, setzt dem Anleihemarkt zu, so die Deutsche Börse AG.

"Der Markt zeigte sich im Vergleich zur Vorwoche deutlich leichter, die Renditen erhöhten sich weiter", erkläre Tim Oechsner, Händler bei der Steubing AG.

Die Bundrenditen seien mittlerweile auf Mehrjahreshoch geklettert. "Haupttreiber sind die rekordhohen Inflationsraten und überraschend positive US-Konjunkturdaten", erkläre Anleihenanalyst Hauke Siemßen von der Commerzbank. Diese hätten die Wachstumssorgen wieder etwas zurückgedrängt und somit schnellere Zinserhöhungen in den USA wahrscheinlicher gemacht.

Der Zinsanstieg sei beträchtlich: Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen liege am Freitagmorgen bei 1,22 Prozent. Am gestrigen Donnerstag sei sie mit 1,24 Prozent sogar auf den höchsten Stand seit rund acht Jahren gestiegen. Zum Vergleich: Ende 2021 seien es noch minus 0,18 Prozent gewesen. In den USA sehe es ähnlich aus: Dort würden zehnjährige Treasuries aktuell mit 2,92 Prozent nach 1,51 Prozent Ende 2021 rentieren - fast eine Verdopplung.

Klar sei: Die Notenbanken möchten handeln, die Inflationsraten seien einfach zu hoch. Diese Woche sei die Teuerungsrate für die Eurozone im Mai veröffentlicht worden: Mit 8,1 Prozent habe sie so hoch gelegen wie noch nie seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Am Markt werde erwartet, dass der EZB-Rat auf seiner Sitzung am kommenden Donnerstag das Einstellen der Anleihekäufe zum Beginn des dritten Quartals bekannt geben werde. Mit einem Zinsschritt werde noch nicht gerechnet. Im Juli solle es aber losgehen, im September solle ein zweiter Zinsschritt folgen. Bis Ende des Jahres seien nun 125 Basispunkte höhere Zinsen eingepreist.

"Ob es im Juli einen Schritt um 25 oder 50 Basispunkte wird, dazu gibt es widersprüchliche Aussagen von Ratsmitgliedern", stelle Ralf Umlauf von der Helaba fest. "Sind 50 Basispunkte erforderlich und wünschenswert? Ja. Sind sie wahrscheinlich? Aus der Historie der EZB eher nein."

Für die USA werde mit einer Erhöhung um 50 Basispunkte in diesem Monat und im Juli gerechnet. Mit Spannung werde dennoch dem heute zur Veröffentlichung anstehenden Arbeitsmarktbericht für Mai entgegengesehen. Den Analysten der Deutschen Bank zufolge dürfte neben dem Beschäftigungszuwachs auch die Wachstumsrate der durchschnittlichen Stundenlöhne interessant sein. "Sollte sich eine Entspannung der Lohnwachstumsrate und eine Verlangsamung des Beschäftigungszuwachses abzeichnen, könnten die Notenbanker in der zweiten Jahreshälfte erwägen, die Geschwindigkeit ihrer Zinsschritte wieder zu reduzieren."

Im Handel mit Unternehmensanleihen würden die Probleme des Immobilieninvestors Adler Group, aber auch die steigenden Zinsen der Immobilienbranche weiter zusetzen. "Der Druck auf den Immobiliensektor hält an", stelle Oechsner fest. Angeschlagen bleibe die Anleihe (ISIN DE000A19SPK4/ WKN A19SPK) des strauchelnden Immobilien-Investmentmanagers CORESTATE Capital, die allerdings Boden gefunden habe und nun zwischen 31 und 36 Prozent notiere. "Käufer kommen rein, Umsätze sehen wir allerdings nicht."

Auch grundsätzlich gut dastehende Unternehmen würden abgestraft bzw. würden unter dem Zinsanstieg leiden. Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank melde Verkäufe für die Anleihe (ISIN DE000A2NBZG9/ WKN A2NBZG) des Frankfurter Immobilienunternehmens DIC Asset, die noch bis 2023 laufe und 3,5 Prozent abwerfe. Allerdings werde das Papier immer noch knapp unter 100 Prozent gehandelt.

Neues sei diese Woche von Ekosem-Agrar gekommen, der deutschen Holding der auf Milchproduktion in Russland ausgerichteten Unternehmensgruppe Ekoniva. Ekosem sei aufgrund des Ukraine-Kriegs in Schwierigkeiten geraten und habe um Laufzeitverlängerung gebeten. Auf den zweiten Anleihegläubigerversammlungen Ende Mai hätten die Anleihehalter nun mit über 99 Prozent für die Restrukturierung der Anleihen (ISIN DE000A1R0RZ5/ WKN A1R0RZ, ISIN DE000A2YNR08/ WKN A2YNR0) gestimmt. "Für beide Papiere werden die Zinssätze auf 2,5 Prozent verringert und die Laufzeiten um jeweils fünf Jahre verlängert", erkläre Daniel. Die Differenz zwischen dem ursprünglichen und dem auf 2,5 Prozent reduzierten Zins solle am Laufzeitende ausgezahlt werden, zusätzlich zum nominalen Rückzahlungsbetrag. "Als Grund für den Kauf der Anleihen wird das allerdings nicht gesehen."

Abgaben melde Daniel außerdem für Anleihen (ISIN DE000A2YPAJ3/ WKN A2YPAJ) von Semper idem Underberg mit Kupon von 4 Prozent und Fälligkeit 2025, Käufe und Verkäufe hingegen für eine AXA-Hybridanleihe (ISIN XS0210434782/ WKN A0DXAK) mit 3 Prozent-Kupon.

Rege Umsätze auf der Geld- und Briefseite zu Kursen um 100 Prozent beobachte Oechsner für den Bond (ISIN DE000A3MQYU1/ WKN A3MQYU) des Photovoltaik-Anlagenspezialisten Eusolag European Solar, der bis 2027 laufe und einen Kupon von 6,25 Prozent biete.

Ebenfalls einiges um gehe in den Nullkuponanleihen (ISIN DE000A2TR091/ WKN A2TR09) der Veragold Mining Company, deren Rückzahlung Ende dieses Jahres an den Goldpreis gebunden sei. "Der Kurs ist zuletzt gestiegen auf aktuell 55,75 Prozent, allerdings ist das eine hochspekulative Anlage", bemerke Oechsner.

Noch bis zum 7. Juni könne eine Neuemission (ISIN DE000A3MQVL6/ WKN A3MQVL) der ACTAQUA AG gezeichnet werden, fällig 2027 und mit Kupon von 7 Prozent. Mit dem Geld aus der Anleihe wolle ACTAQUA weiter wachsen. Das Unternehmen arbeite im Bereich der intelligenten Gebäudetechnik und setze dabei die Cloud und künstliche Intelligenz ein, um wasserführende Systeme zu optimieren.

Außerdem starte laut Daniel am Dienstag die Zeichnungsfrist für eine Anleihe der PNE AG, einem Entwickler und Betreiber von Erneuerbare-Energie-Kraftwerken. Die Anleihe solle ebenfalls bis 2027 laufen. Die Kuponspanne werde auf 4,5 bis 5,25 Prozent beziffert, die genaue Höhe werde während der Angebotsfrist festgelegt. (03.06.2022/alc/a/a)





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