Anleihen: Dämpfer bei Zinshoffnungen


21.11.22 09:15
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nachdem sich einzelne Mitglieder der US-Notenbank FED für weitere Zinserhöhungen ausgesprochen hatten, sind die Renditen an den Anleihenmärkten wieder gestiegen, so die Deutsche Börse AG.

Die Risikoaversion nehme zu. Am Freitagmorgen habe der Bund-Future bei 140,21 Punkten gestanden. Zuletzt habe sich James Bullard, Präsident der regionalen Notenbank von St. Louis, für weiter steigende Zinsen ausgesprochen.

"Die Hoffnung, dass die FED angesichts der jüngsten Inflationsdaten geldpolitisch deutlich behutsamer vorgehen könnte, erhielt einen Dämpfer", kommentiere Tim Oechsner von Steubing. Die Inflation sei noch zu hoch. "Der Markt hängt an der FED, und diese hat sich mehrfach klar pessimistisch geäußert." Die jüngste Kurserholung am Anleihenmarkt könne nur eine kurze Rally im Bärenmarkt gewesen sein.

"Indessen ist eine Rezession wieder Thema an den Märkten", sage Arthur Brunner von der ICF Bank und verweise auf die Zinsstrukturkurve bei Bundesanleihen. Sie sei nun - wie seit längerem in den USA - invers. Das heiße, der Renditeabstand zwischen zehn- und zweijährigen deutschen Staatsanleihen habe ins Negative gedreht. Zweijährige Bundesanleihen würden mit 2,15 Prozent rentieren, zehnjährige mit 2,04 Prozent. Die Renditen für 30 Jahre Laufzeit seien bei 1,95 Prozent. "Das sind deutliche Zeichen, dass die Märkte in Deutschland wie in den USA eine Rezession erwarten", erkläre Brunner. Oechsner ergänze, dass die Stimmung am Anleihenmarkt sehr abwartend und vorsichtig sei.

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank weise auf den deutlichen Unterschied zwischen zwei- und zehnjährigen US-Staatsanleihen (70 Basispunkte) und somit auf eine inverse Zinskurve hin, die als deutliches Signal für eine Rezession gelte.

"Die großen Renditeunterschiede lassen sich einerseits damit erklären, dass die Notenbanken sowohl in der Eurozone als auch in den USA kurzfristig weiter ihre Zinsen anheben dürften, da die Inflationsraten weit entfernt von ihrem Zwei-Prozent-Ziel sind", habe die Deutsche Bank am Freitagmorgen kommentiert. Daher rentierten kurzläufige Staatspapiere, die sich eher an den kurzfristigen Leitzinserwartungen orientieren würden, weiterhin auf hohem Niveau.

"Andererseits gehen Marktteilnehmer auch davon aus, dass die Notenbanken in der mittleren Frist die Leitzinsen auch wieder senken werden, da Preisdruck und Wachstum irgendwann aufgrund der als restriktiv einzuschätzenden Geldpolitik nachgeben sollten. Weitere auf eine nahende Rezession hindeutende Vorlaufindikatoren könnten daher die Rendite länger laufender Staatsanleihen drücken."

"Insgesamt sind die Umsätze bei Unternehmensanleihen gut", berichte Daniel. Bei mittleren Laufzeiten und 1.000er Stückelungen sei die Nachfrage besonders hoch. "Derzeit wird eine Mercedes-Anleihe neu entdeckt." Bei 0,625 Prozent Kupon betrage die Rendite auf dem aktuellen Kursniveau der Anleihe (ISIN DE000A2R9ZU9 / WKN A2R9ZU) 2,82 Prozent. Verkauft werde hingegen ein Schaeffler-Papier mit 2,875 Prozent Kupon, das aktuell aber eine Rendite von 4,62 Prozent bringe.

Gefragt seien nach wie vor ausgewählte Unternehmensanleihen mit kurzlaufenden Fälligkeiten bis zwei Jahre, fasse Brunner das Interesse der Marktteilnehmer*innen zusammen. Gekauft werde eine Mutares-Anleihe sowie eine Anleihe (ISIN SE0012453835 / WKN A2TSDS) der Ferratum Capital Germany-Anleihe, nachdem deren Quartalszahlen die Erwartungen des Marktes übertroffen hätten. Ferratum wolle die Anleihe vorzeitig ablösen. "Die vorzeitige Rückkaufmöglichkeit liegt bei 100,5 Prozent." Derzeit notiere das Papier bei 94,50 Prozent. Außerdem sei laut Brunner seit Wochen die Nachfrage nach Fresenius Medical Care (ISIN XS2530444624 / WKN A30VPB) hoch. Die Anleihe mit Laufzeit 2027 sei mit 3,875 Prozent Kupon ausgestattet.

Sehr hoch hingegen sei die Nachfrage bei der Corestate Capital Holding (ISIN DE000A19SPK4 / WKN A19SPK) auf der Geld- wie auf der Briefseite. Die Restrukturierung der nun fälligen Anleihe, die aktuell 13 Prozent auf 10 Prozent verliere, sei nach Angaben Oechsners in der finalen Phase. Am 28. November entscheide eine Gläubigerversammlung über eine Refinanzierung.

"Der Immobilieninvestmentmanager kämpft um das Überleben", kommentiere Oechsner. Die Neunmonatszahlen hätten einen Umsatzeinbruch und höhere Verluste als bisher gezeigt.

Inzwischen nehme der Markt für Mittelstandsanleihen wieder Fahrt auf: So sei nach Brunners Angaben eine Anleihe (ISIN DE000A30V3F1 / WKN A30V3F) von Katjes Greenfood über 25 Millionen Euro mit 8 Prozent Kupon und 5 Jahren Laufzeit bis 22. November in der Zeichnung. In dieser Woche beginne die Zeichnungsfrist einer 7,75-Prozent-Anleihe (ISIN DE000A30VUP4 / WKN A30VUP) der Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig, die ebenfalls fünf Jahre laufe. "Bei Neuemissionen werden vor allem Laufzeiten von drei bis vier Jahren gekauft", ergänze Oechsner. "Grundsätzlich setzen die Anleger wieder mehr auf Anleihen anstelle von hochvolatilen Aktien." (Ausgabe vom 18.11.2022) (21.11.2022/alc/a/a)





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