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Anleihemarkt in den Fängen der Zinswende


10.01.23 11:15
Wallrich Asset Management

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Politische Unsicherheiten, Rezessionsgefahren und weiter steigende Zinsen - 2023 wird sicherlich kein einfaches Börsenjahr werden, so Stefan Wallrich, Vorstand Wallrich Asset Management AG.

Bei konservativer Vorgehensweise und Fokussierung auf die richtige Assetklasse sollten die Chancen die noch nicht eingepreisten Risiken gleichwohl überwiegen. Deckel drauf und abhaken. Diese Einstellung dürfte für viele Anleger die einfachste Vorgehensweise sein, wenn es um das gerade abgelaufene Börsenjahr gehe. Zur Gewinnung wichtiger Erkenntnisse für die zukünftige Positionierung empfehle sich dennoch ein kurzer (schmerzhafter) Blick zurück.

Relativ optimistisch ins Jahr gestartet, seien die Belastungen für die Kapitalmärkte 2022 deutlich vielfältiger und größer gewesen, als sich dies die allermeisten Analysten, Volkswirte und Politikwissenschaftler zu Beginn des Jahres vorgestellt hätten. Angefangen mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine, über den daraus resultierenden massiven Preisanstieg für fossile Energierohstoffe, explodierende Inflationsraten und historische Zinssteigerungen bis hin zu anhaltend fragilen Lieferketten, nachlassendem Verbrauchervertrauen und globalen Rezessionstendenzen sei vieles dabei gewesen, was schon alleine für deutliche Kapitalverluste ausgereicht hätte. Ex post betrachtet könne der Einbruch an den internationalen Aktienmärkten und damit natürlich auch bei EURO STOXX, DAX und Co. deshalb nicht überraschen.

So habe etwa der deutsche Leitindex im Jahresverlauf per Saldo 12,4% an Wert verloren. Vor der Ende September einsetzenden Erholung habe das wichtigste heimische Aktienbarometer zeitweise sogar mit über 25% im Minus gelegen. Noch deutlich schlimmer habe es die Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe erwischt. Gerade in Phasen mit erhöhter Unsicherheit würden institutionelle Anleger dazu neigen, sich von weniger liquiden Titeln zu trennen. Zum Teil sei es dem gehobenen Mittelstand wohl auch schlechter gelungen, den starken Anstieg der Erzeugerpreise von +28,2% gegenüber dem Vorjahresmonat (Stand: 30.11.2022) an seine Kunden weiterzugeben. MDAX und SDAX seien dann auch mit Verlusten von 28,5% bzw. 27,4% aus dem Jahr gegangen.

Gemessen an den üblichen Schwankungen seien Anleiheinvestoren 2022 keineswegs besser dran gewesen. Die lange Zeit verschlafene Abkehr von der Nullzinspolitik habe die Notenbanken dazu gezwungen, mit deutlichen Zinserhöhungen auf den Anstieg der Inflation, die im Euroraum Ende des Jahres bei 9,2% gelegen habe, zu reagieren. Während die amerikanische FED mit insgesamt sieben Zinsschritten auf zuletzt 4,25 bis 4,5% schon relativ stark an der Zinsschraube gedreht habe, zeige sich die EZB (vier Schritte auf 2,5%) diesbezüglich noch etwas zögerlicher. Zu historisch hohen Verlusten am europäischen Anleihemarkt sei es dennoch gekommen. So habe der Rex Performance Index (REX P) als Maßstab für die Wertentwicklung (Preisänderungen plus Zinserträge) idealtypischer deutscher Staatsanleihen 11,9% verloren und damit die Erträge der vergangenen zehn Jahre eingebüßt.

Die Entwicklung der Inflation und die daraufhin folgenden Reaktionen der Zentralbanken und Anleihemärkte würden 2023 das beherrschende Thema an den Kapitalmärkten bleiben. Erst jüngst habe die Bundesbank ihre Inflationsprognose kräftig nach oben korrigiert. Für die kommenden zwölf Monate rechne sie mit einem Jahresdurchschnitt von 7% und erst "2024 und 2025 dürfte sich die allmähliche Entspannung bei den Verbraucherpreisen weiter fortsetzen", wie es in ihrem aktuellen Monatsbericht heiße. Dämpfend wirken dürfte unter anderem, dass der starke Energiepreisanstieg im Laufe des Frühjahrs aus der Ermittlung der Inflationsrate herausfalle ("Basiseffekt"). Preistreibend sollten sich dagegen die kräftig steigenden Lohnkosten bemerkbar machen, die nach Einschätzung der Bundesbanker erst 2025 etwas nachlassen würden.

Sowohl die EZB als auch die FED sähen aktuell zwar einen nachlassenden Inflationsdruck, mit ihren Zinsschritten kurz vor Weihnachten und den folgenden Aussagen hätten sie aber deutlich gemacht, die Teuerung als hartnäckiger zu betrachten, als dies die Märkte bis dahin antizipiert hätten. Während sich der fortgeschrittene Zinszyklus in den USA allerdings langsam seinem Höhepunkt nähern dürfte, gehe der EZB-Rat von weiteren signifikanten Leitzinsanhebungen aus, um eine Rückkehr zum langfristigen Inflationsziel von 2% zu gewährleisten. Die europäischen Rentenmärkte dürften deshalb auch in den kommenden Monaten äußerst herausfordernd bleiben.

Erheblich aussichtsreicher schätze Stefan Wallrich, Vorstand Wallrich Asset Management AG, die Situation an den Aktienmärkten ein. Bekannte Risiken, wie der Ukraine-Krieg, bei dem kein baldiges Ende abzusehen sei, weiter steigende Zinsen und die immer noch bestehende Lieferkettenproblematik, die sich durch den Richtungswechsel in der chinesischen Corona-Politik in den kommenden Wochen wieder verstärken könnte, sollten in den Kursen weitestgehend eingepreist sein. Gleiches gelte für die Rezession (light), mit der sich die Eurozone in der ersten Jahreshälfte wohl konfrontiert sehen werde. Die Mehrzahl der Konjunkturprognosen gehe zumindest von einem leichten Schrumpfen der heimischen Wirtschaft aus und auch die derzeit invers verlaufende Zinsstrukturkurve deute hierauf hin.

Für Aktienanleger müsse dies allerdings kein schlechtes Zeichen sein. Statistisch betrachtet seien Rezessionsjahre nämlich sogar gut für Dividendentitel. So habe sich der Deutsche Aktienindex in allen sieben Rezessionsjahren seit den Sechzigern positiv entwickelt. Meist hätten die Zugewinne sogar bei 25% und mehr gelegen, im Durchschnitt seien es +31% gewesen. Erklären lasse sich die erstaunlich gute Entwicklung damit, dass die Anlageklasse wirtschaftliche Entwicklungen in der Regel deutlich vorwegnehme. Entsprechend schlecht ausgefallen seien in der Vergangenheit auch die Vorrezessionsjahre (Ø = -11%), bevor es dann von relativ niedrigem Bewertungsniveau aus deutlich nach oben gegangen sei. Bei entsprechenden Investments sollten weiterhin die fundamental stark aufgestellten Unternehmen bevorzugt werden, denen es nach wie vor zuzutrauen sei, inflationsbedingte Kostensteigerungen an ihre Kunden weitergeben zu können. Mit deutlichen Kursschwankungen sei zu rechnen.

Für börsennotierte Unternehmensbeteiligung spreche dabei auch, dass Immobilieninvestments als Sachanlagenalternative zu Aktien ihre Attraktivität zumindest kurz- bis mittelfristig praktisch gänzlich eingebüßt hätten. Der Anstieg der Mieten werde mit der Inflationsentwicklung bei weitem nicht Schritt halten, während sich die Kosten für neu abgeschlossene Finanzierungen andererseits binnen Jahresfrist mehr als verdreifacht hätten. Insbesondere in den Metropolen scheinen fallende Immobilienpreise deshalb vorprogrammiert zu sein, was auch allgemeiner Konsens der einschlägigen Prognosen in diesem Bereich ist, so Stefan Wallrich, Vorstand Wallrich Asset Management AG. (10.01.2023/alc/a/a)