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Anleihemärkte geprägt von Zinsanhebungen der Notenbanken


07.11.22 09:44
ALTE LEIPZIGER Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Nach einem überraschenden Wachstum im Sommer drohen der deutschen Wirtschaft harte Monate angesichts der ungebremst steigenden Inflation, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Im dritten Quartal habe das Bruttoinlandsprodukt trotz der hohen Energiepreise um 0,3% gegenüber dem Vorquartal zugelegt, wie aus einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes hervorgehe. Im zweiten Quartal habe es um 0,1% zugelegt. Die Inflation sei im Oktober aber auf 10,4% gestiegen. Sie erreiche damit den höchsten Stand seit etwa 70 Jahren.

Gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex der EU, der einen anderen Warenkorb verwende und den auch die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre Analysen benutze, habe der Preisanstieg in Deutschland im Oktober sogar 11,6% betragen.

Hauptursache des Wachstums sei vor allem der private Konsum gewesen. Ökonomen würden in der Entwicklung aber nur die Ruhe vor dem Sturm sehen. Sie würden davon ausgehen, dass der deutschen Wirtschaft harte Monate bevorstünden. Hohe Inflationsraten würden die Kaufkraft von Konsumenten schmälern, da sie sich für einen Euro weniger leisten könnten. Inzwischen würden die Preissteigerungen immer weitere Bereiche des täglichen Lebens erfassen. Das könne den Privatkonsum als wichtige Konjunkturstütze dämpfen.

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine seien insbesondere die Preise für Energie stark gestiegen, was auch den Gesamtindex in die Höhe treibe. Im Oktober hätten die Energiepreise um 43% höher als im Vorjahresmonat gelegen. Doch auch die Preise für Nahrungsmittel seien mit einem Plus von 20,3% überdurchschnittlich gestiegen.

Hinzu würden preistreibende Effekte von weiterhin unterbrochenen Lieferketten infolge der Corona-Pandemie kommen. Preisdämpfend dürfte sich im Oktober hingegen die Mehrwertsteuersenkung für Erdgaslieferungen und Fernwärme von 19% auf 7% ausgewirkt haben, würden die Statistiker weiter schreiben.

Gleichzeitig zeige sich der deutsche Arbeitsmarkt trotz der schwachen Konjunktur bislang weiter robust. Im Zuge der Herbstbelebung sei im Oktober die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum September um 43.000 auf 2,44 Millionen Menschen gesunken. Damit habe die Arbeitslosenquote bei 5,3% gelegen, das seien 0,1% weniger als im September 2022.

Das sei Balsam für die in diesem Jahr von der verheerenden Entwicklung der Anleihemärkte leidgeplagten Anleger gewesen. Bis unter 2% sei die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe unmittelbar nach der Tagung der EZB am 27. Oktober gefallen. Zwar hätten die europäischen Währungshüter beschlossen, die Leitzinsen ein weiteres Mal kräftig anzuheben, und zwar um 75 Basispunkte. Die Äußerungen von EZB-Chefin Lagarde auf der anschließenden Pressekonferenz seien jedoch als weiteres Indiz gewertet worden, dass das weitere Zinsanhebungspotenzial allmählich überschaubar werde.

Zuvor hätten Berichte, nach denen führende FED-Vertreter verstärkt ein langsameres Anhebungstempo in Erwägung ziehen würden, den Anleihemärkten Auftrieb verliehen. Resultat dieser Gemengelage sei ein temporärer kräftiger Renditerückgang gewesen. Habe die Verzinsung 10-jähriger Bunds am 21. Oktober mit 2,53% noch das höchste Niveau seit elf Jahren erreicht, sei sie im Zuge des stärksten Wochenrückgangs seit 35 Jahren vorübergehend auf 1,96% gesunken, um dann bis zum 3. November wieder auf 2,27% zu klettern.

Ursächlich für den jüngsten Renditeanstieg sei die amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED). Diese habe, wie von den Marktteilnehmern überwiegend erwartet, zum vierten Mal in Folge den Leitzins um 75 Basispunkte angehoben. Die neue Spanne liege nun zwischen 3,75% und 4,00%. Gleichzeitig habe FED-Chef Powell vorsichtige Signale dafür geliefert, dass schon bei der nächsten FED-Sitzung im Dezember ein kleinerer Zinsschritt bevorstehen könnte.

Die FED sehe angesichts der Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik das Risiko, dass diese zu restriktiv wirken könne. Allerdings halte Powell dieses Risiko für deutlich geringer als die Gefahren, die mit einem zu frühen Nachlassen bei der Inflationsbekämpfung verbunden wären. Weiter habe Powell in der Pressekonferenz klargestellt, dass es auf jeden Fall deutlich verfrüht sei, über eine Pause bei den Zinsschritten nachzudenken.

Der Umstand, dass sich die Inflation sehr hartnäckig zeige, habe die Wahrscheinlichkeit einer weichen Landung der US-Wirtschaft verringert. Damit habe Powell angedeutet, dass die FED eine Rezession der US-Wirtschaft akzeptieren würde, wenn dies nötig sei, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Nicht ausgeschlossen sei also, dass die FED ihre Leitzinsen im Dezember lediglich um 50 Basispunkte anheben werde. Anfang 2023 sollte dann mit noch kleineren Schritten gerechnet werden. Im März 2023 dürfte der Zinsgipfel bei 5% erreicht sein.

Für Entwarnung sei es aus Sicht der Anleihemärkte also zu früh. Denn wenn die Zentralbanken dazu übergehen würden, ihre Leitzinsen langsamer, also in kleineren Schritten, zu erhöhen, bedeute dies, dass die Zinsen eben weiter steigen würden. Die EZB habe in diesem Kontext deutlich gemacht, dass die Eindämmung der Teuerung und der Inflationserwartungen weiterhin oberste Priorität besäße. Wenn der Einlagensatz 2023 über 2%, gegebenenfalls noch bis 2,5% oder höher steige, begrenze dies das Abwärtspotenzial der Renditen.

Die Inflationsrate in Deutschland sei auf 10,4% im Oktober nach 10% im Vormonat gestiegen. Letztlich würden sich die Zinsaussichten und damit auch die Perspektiven der Anleihemärkte in den kommenden Monaten weiterhin in einem Spannungsfeld von tendenziell die Renditen drückender wirtschaftlicher Abschwächung einerseits und Rezessionsrisiken auf der anderen Seite bewegen. Letztere scheinen derzeit ein Übergewicht zu besitzen, weil sich die hohe Inflation als überaus hartnäckig darstellt, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Nach der in den letzten Wochen zu beobachtenden Kurserholung könnten die Aktienmärkte auf kurze Sicht seitwärts tendieren. Die bisher gut angelaufene Berichtssaison habe zuletzt geholfen, zeige sie doch auch, dass Unternehmen die gestiegenen Kosten sehr häufig auf die Preise ihrer Produkte und damit auf die Konsumenten abwälzen könnten. Auch das sei eine Ursache für die Inflation.

Das sich eintrübende Umfeld spiegele sich in vorsichtigeren Ausblicken wider. Eine durchgreifende Besserung an den Aktienmärkten sei eher Thema für das kommende Jahr, wenngleich eine von vielen Marktteilnehmern oft als Automatismus verstandene Weihnachtsrally auch noch nicht in Gänze ausgeschlossen werden könne.

An den Rentenmärkten würden die Experten mit einer Stabilisierung und allenfalls noch geringem Renditeanstieg rechnen. Auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten würden sie weiterhin erwarten, dass die spürbare Konjunkturabschwächung auf beiden Seiten des Atlantiks die Renditen bei langen Laufzeiten dämpfen sollte. Die Bund-Zinskurve dürfte sich dabei weiter verflachen und im Bereich von drei Monaten / zehn Jahren in eine deutliche Inversion münden. (Ausgabe November 2022) (07.11.2022/alc/a/a)