Erweiterte Funktionen

Am Anleihemarkt kann sich 2023 Qualität auszahlen


19.01.23 12:07
Algebris Investments

London (www.anleihencheck.de) - Mit sinkenden Inflationsraten und einer konjunkturellen Abkühlung rechnet Lennart Lengeling, Investment Analyst bei Algebris Investments.

Investmentchancen sehe er vor allem im Finanzsektor und bei Unternehmen mit höherer Bonität.

Lieferengpässe infolge der Corona-Pandemie sowie, insbesondere in Europa aufgrund des Ukraine-Kriegs, massiv gestiegene Energie- und Lebensmittelpreise hätten die Inflation 2022 auf lange nicht gekannte Niveaus getrieben. Für das Jahr 2023 würden die Experten erwarten, dass die Raten ausgehend von ihren Höchstständen sinken würden.

Die Frage sei, wie rasch dieser Prozess vonstattengehen werde. Die Marktteilnehmer seien optimistisch, dass die Teuerungsraten schnell abnehmen würden. Die Experten hingegen seien etwas zögerlicher. Grundsätzlich aber sollte es sich positiv auf die Kapitalmärkte auswirken, wenn die Inflation mittel- und langfristig wieder in Richtung des Zielwerts von 2 Prozent zurückkehre.

Eng verbunden mit der Inflationsentwicklung sei der weitere geldpolitische Pfad der Zentralbanken. Die Experten würden davon ausgehen, dass die Zinsen in den USA ihren Höchststand bei 5 Prozent und in der Eurozone bei 3 Prozent erreichen würden - was jedoch davon abhängen werde, wie schnell die Inflation tatsächlich sinke.

Insgesamt würden die Experten beobachten, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik ein Stück weit anpassen würden. Im Jahr 2022 hätten sie die Marktteilnehmer mit außerordentlich großen Zinserhöhungen von beispielsweise 75 Basispunkten überrascht, was zu Volatilität an den Kapitalmärkten geführt habe. Das werde sich dahingehend ändern, dass die Notenbanken bei den nächsten Anpassungen kleinere Schritte von beispielsweise 25 oder 50 Basispunkten vornehmen würden. Diese könnten die Währungshüter jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg durchführen und auch die höheren Zinsniveaus länger halten - bis sie sicher seien, dass die Inflation tatsächlich nachhaltig näher am Zielwert liege.

Konjunkturell würden die Experten 2023 eine Verlangsamung erwarten. Am stärksten dürften Deutschland und das Vereinigte Königreich davon betroffen sein. Für die USA würden die Experten ein sehr flaches Wirtschaftswachstum mit einem Wert von um die null Prozent sehen. Insgesamt würden sie derzeit eher von einer milden Rezession ausgehen, aber dennoch vorsichtig bleiben. Schließlich werde das Ausmaß des Abschwungs davon abhängen, wie schnell die Inflation sinken werde und wie weit die Zentralbanken gehen würden.

Zu den Risikofaktoren für die Kapitalmärkte würden neben den erwähnten Themen Inflation und Geldpolitik der Ukraine-Krieg sowie die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft zählen. Es stelle sich die Frage, wie schnell die Konjunktur im Reich der Mitte nach dem Ende der Null-Covid-Politik wieder Fahrt aufnehmen werde. Prognosen würden sich schwierig gestalten. Positive Nachrichten sowohl aus China als auch mit Blick auf den Ukraine-Krieg könnten die Kapitalmarktentwicklung jedoch beflügeln.

Die außerordentlich hohe Marktvolatilität im Jahr 2022 habe gezeigt, wie wichtig eine taktische Allokation sei. 2023 seien aus Sicht der Experten vor allem Branchen interessant, die vom aktuellen globalen makroökonomischen Umfeld profitieren würden. Dazu gehöre der Bankensektor, dessen Margen von den höheren Zinsen gestützt würden.

Darüber hinaus würden die Experten angesichts eines sich verlangsamenden und leicht negativen Wirtschaftswachstums vor allem Anleihen von Unternehmen mit hoher Qualität für interesant halten. Diese sollten sich stärker entwickeln als die von Firmen mit einem niedrigeren Rating, denen in einem konjunkturellen Abschwung sogar die Pleite drohen könne. Die Experten würden daher den Finanzsektor und Unternehmen mit guten Fundamentaldaten sowie nachhaltigen Cashflows übergewichten, die in einem Umfeld hoher Makrovolatilität outperformen könnten. (19.01.2023/alc/a/a)