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AXA IM Chefökonom: Rezession als einzige Lösung gegen den Preisdruck?


07.09.22 15:30
AXA Investment Managers

Köln (www.anleihencheck.de) - Gilles Moëc, Group Chief Economist bei AXA Investment Managers, gibt einen EZB Ausblick und ändert die Prognose der Zinserhöhung auf 75 Punkte.

Während die Daten für die Federal Reserve (FED) günstig ausgefallen seien, sei das Gegenteil für die Europäische Zentralbank (EZB) der Fall gewesen. Die Veröffentlichung der Verbraucherpreise für August habe der langen Liste positiver Überraschungen eine weitere Beschleunigung der Kerninflation hinzugefügt. Das deute darauf hin, dass der zunehmende Inflationsdruck nicht nachlasse.

Mit der Forderung des Chefvolkswirts der EZB, Philip Lane, die Geldpolitik stetig zu straffen, habe er bisher allein da gestanden. Die Tatsache, dass man von den verbliebenen Vertretern des pessimistischen Flügels nach den hawkischen Berichten nicht viel gehört habe, signalisiere einen schwachen Widerstand. Dementsprechend hätten die Experten ihre Einschätzung geändert und würden für Donnerstag eine Zinserhöhung um 75 BP erwarten.

Ähnlich wie bei der Diskussion der Experten über die EZB-Rede in Jackson Hole in der letzten Woche scheine es relativ einfach zu sein, einen Konsens über das "Abreißen des Verbandes" zu finden und den Leitzins schnell auf neutral zu bringen. Die Experten würden auch glauben, dass der EZB-Rat angesichts der anhaltenden Schwäche des Euro-Wechselkurses und des damit verbundenen zusätzlichen Drucks auf die importierte Inflation durchaus versucht sein könnte, eine Anhebung vorzunehmen, die stärker ausfallen könnte als die der FED.

Die Verschlechterung der Datenlage sei unübersehbar. Dennoch gebe es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass der zugrunde liegende Inflationsdruck nachlasse. Die Spanne zwischen den Aufträgen und den Fertigwarenbeständen im Produktionssektor des Euroraums verringere sich rasch. Das lasse einen starken Produktionsrückgang in den kommenden Monaten als sehr wahrscheinlich erscheinen. Dennoch lägen die erwarteten Verkaufspreise, auch wenn sie sich seit ihrem Höchststand im Frühjahr etwas abgeschwächt hätten, weiterhin zwei Standardabweichungen über ihrem langfristigen Durchschnitt. Dasselbe gelte für den Dienstleistungssektor: Die erwartete Nachfrage sei im August unter ihren langfristigen Durchschnitt gefallen. Die Einstellungsabsichten lägen zwar immer noch über der "Flotationslinie", würden sich aber in Richtung Süden bewegen. Die erwarteten Preise seien jedoch nur zögerlich von ihrem historisch hohen Niveau heruntergeklettert.

In Anbetracht ihres Mandats könne die EZB nicht anders, als sich mehr auf Letzteres zu konzentrieren. Ganz einfach: Wenn die Angebotskapazitäten stärker als üblich eingeschränkt seien - und es gebe sehr gute Gründe dafür, dass dies immer noch der Fall sei - dann brauche es auch einen stärkeren Nachfragerückgang als üblich, um den Preisdruck wieder auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Es sei klar, dass eine Rezession in Frankfurt nicht als bloßer Nebeneffekt der notwendigen geldpolitischen Straffung gesehen werden dürfe, sondern als die einzige Lösung, um das Ziel zu erreichen.

Es könnte jedoch auch eine andere Sichtweise möglich sein. Da die Geldpolitik mit Verzögerungen arbeite - die im Euroraum angesichts der etwas verzerrten Übertragung der Politik (Dominanz von Hypotheken mit festem Zinssatz in vielen Ländern, zentrale Rolle der Banken bei der Finanzierung des Unternehmenssektors) recht lang sein könnten, liege der Schwerpunkt möglicherweise nicht auf den unmittelbaren Auswirkungen der Straffung. Er liege vielmehr auf dem Signal, das die Verzögerung für die Inflationserwartungen sende.

Es gehe nicht so sehr darum, dass die Geldpolitik in den nächsten Monaten eine Rezession "herbeiführen" müsse - dies wäre eher für eine deutlich überhitzte Wirtschaft wie die der USA angebracht - sondern vielmehr darum, dass sie nicht versuchen sollte, eine Rezession abzumildern, die durch überwiegend exogene Kräfte - die Explosion der Gaspreise - ausgelöst werde, um die langfristigen Inflationserwartungen zu verankern. Die Botschaft an die Preissetzer - insbesondere Arbeitgeber und Gewerkschaften - laute, dass die EZB über die derzeitige Konjunkturabschwächung hinaus nicht zögern würde, die Nachfrage mittelfristig einzuschränken, wenn eine Beschleunigung der Löhne den derzeitigen Schock in ein anhaltendes neues Regime verwandele.

Dann könnte es Raum für die Fortsetzung einer gewissen impliziten Zusammenarbeit zwischen den Finanz- und den Währungsbehörden geben. Die EZB sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass die Regierungen versuchen würden, die Tiefe der sich abzeichnenden Rezession abzumildern, da dies die "zyklische Disinflation" dämpfen würde, sondern dies als eine optimale "Lastenteilung" betrachten würden: Die Regierungen würden die Nachfrage aufrechthalten, während die Wirtschaft mit den dringendsten Herausforderungen konfrontiert sei und die Zentralbank die Inflationserwartungen mittelfristig verankert halte. (07.09.2022/alc/a/a)