2024: Der letzte Akt eines Inflationsdramas


12.02.24 12:00
Mediolanum International Funds

Dublin (www.anleihencheck.de) - Auch 2024 wird die Inflation im Rampenlicht stehen, so Brian O'Reilly, Head of Market Strategy bei Mediolanum International Funds.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und dem Einmarsch Russlands in die Ukraine stelle man sich auf den Finanzmärkten vor allem eine Frage: Sei die Inflation lediglich vorübergehend - oder werde sie unser ständiger Begleiter? Fest stehe: Auch 2024 stehe Inflation im Rampenlicht und bleibt ein zentraler Faktor für fiskal- und geldpolitische Entscheidungen sowie für die Entwicklung von Konsum und Investitionen. Doch wie könnte sie sich entwickeln und was bedeutet das für Investoren?

In den kommenden zwölf Monaten dürften wir den dritten und letzten Akt des turbulenten Inflationsdramas erleben, das die Renditen in den vergangenen drei Jahren bestimmt habe. Nach dem schnellsten Zinserhöhungszyklus der Geschichte und einem Einbruch des Anlagevermögens lasse die Inflation allmählich nach - und der Trend der letzten Jahre kehre sich um. O'Reilly rechne damit, dass sich die Preise 2024 innerhalb der von den Zentralbanken akzeptierten Grenzen bewegen würden, und das eröffne Chancen für Anleger. Doch wo und wann würden diese Chancen auftauchen? Das hänge davon ab, wie das Drama "Inflationsschock 2020 - 2023" enden werde - und dafür habe O'Reilly drei Hauptszenarien:

Szenario 1: Ölpreisschock und energiegetriebener Bullenmarkt

Die langwierigen Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine hätten seit 2020 zu erheblichen Störungen auf den Öl-, Gas- und Rohstoffmärkten geführt - und einige Anleger sähen Parallelen zu den Ölschocks von 1973 und 1979, die auf den arabisch-israelischen Jom-Kippur-Krieg folgten und zu heftigen Rezessionen geführt hätten. Trotz der Rezessionen sei es von 1975 bis 1980 zu Aktiengewinnen gekommen, die vom Energiesektor getrieben worden seien: Nicht weniger als sechs der zehn größten Unternehmen der Welt seien im Ölgeschäft tätig gewesen, darunter Exxon, Standard Oil und Shell. In dieser Phase seien auch die Preise von Rohstoffen wie Gold angezogen, die traditionell als Schutz gegen die Inflation gelten würden. Gleichzeitig hätten sich globale Value-Aktien besser als Growth-Aktien entwickelt - ein für langsame Wachstumsphasen typisches Phänomen.

Erleben wir also wieder Rezessionen und Inflationsschübe wie in den 1970er Jahren und sehen eine daraus resultierende energiegetriebene Aktienrally, zusätzlich beflügelt von der Hoffnung, dass die Auswirkungen von Pandemie und Krieg nachlassen werden, fragt sich O'Reilly.

Szenario 2: Weiche Landung und Tech-Rally

Auch wenn der rasche Anstieg von Zinssätzen und Inflation in den vergangenen zwei Jahren das Wachstum dämpfen dürfte, würden viele Ökonomen eine weiche Landung für wahrscheinlich halten. Vor allem in den USA habe US-Finanzministerin Janet Yellen dies bereits verkündet: Hier erwarte man dieses Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,6 Prozent - im Jahr 2023 habe dieses 2,9 Prozent betragen. Das wäre immer noch weit entfernt von einer Rezession und ein bemerkenswerter politischer Erfolg. Denn die Zentralbanken hätten es in der Vergangenheit nur selten geschafft, die Inflation zu senken, ohne eine Rezession auszulösen. Aus jüngerer Zeit sei nur ein Präzedenzfall bekannt: Als die Wirtschaft nach einer Niedrigzinsphase zu expandieren begonnen habe, habe die Federal Reserve (FED) 1994 einen Zinserhöhungszyklus initiiert, ohne dass es in der Folge zu einer Rezession gekommen sei. Stattdessen hätten die Vereinigten Staaten eine Phase raschen Wachstums mit niedriger Arbeitslosigkeit erlebt. Die zweite Hälfte der 1990er Jahre habe teilweise im Zeichen der wirtschaftlichen Globalisierung und des aufkommenden Internets gestanden, was zu hohen wachstumsgetriebenen Kapitalgewinnen geführt habe.

Viele Ökonomen würden aufgrund der vielen Parallelen zwischen den beiden Zeiträumen davon ausgehen, dass sich auch in diesem Jahr eine ähnliche Entwicklung abzeichne: Abgesehen von ähnlich steilen Zinserhöhungen nach einer Niedrigzinsphase sei auch in diesem Jahrzehnt die Technologie der wichtigste Wachstumsmotor. Was in den 1990er Jahren das Internet gewesen sei, sei heute die künstliche Intelligenz, von der man sich ein ähnliches Potenzial verspreche.

Szenario 3: Volatilität durch Wahlen schaffe Chancen für aktive Manager

Im Superwahljahr 2024 werde die Politik die Märkte auf Trab halten. Weltweit stehe eine Reihe nationaler Wahlen an, darunter in Mexiko, im Vereinigten Königreich und in Indien. Doch vor allem die US-Wahlen im November würden maßgeblich sein, insbesondere wenn Donald Trump kandidiere und trotz der hohen Staatsverschuldung auf eine expansive Finanzpolitik setze. Zudem dürfte das monatelange Präsidentschaftsduell zu volatilen Märkten führen - und das schaffe Chancen für aktive Manager.

Welches der Szenarien auch eintreten werde, über eines seien sich die meisten Anleger und Ökonomen einig: 2024 werde es weltweit zu Zinssenkungen kommen. Die weltweite Inflation dürfte sich bis Mitte des Jahres weiter in Richtung 2 Prozent abschwächen - und die Zentralbanken sollten Spielraum für Zinssenkungen sehen. Die derzeitigen Markterwartungen hinsichtlich aggressiver Zinssenkungen könnten jedoch zu optimistisch sein, denn der Inflationsdruck sei noch nicht vollständig verschwunden. Es sei daher möglich, dass die Zentralbanken zögern würden, die Zinssätze zu früh zu senken. (12.02.2024/alc/a/a)