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2023: Stresstest für die US-Geldpolitik


06.01.23 12:52
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit beginnt ein Jahr mit einer restriktiven Geldpolitik in den USA, so die Analysten der Helaba.

Würden die Skeptiker Recht behalten, die meinen würden, die FED werde dies nicht lange durchhalten?

Von der Finanzkrise 2008 bis ins Jahr 2021 hatte die US-Notenbank mit ihrem Doppelziel von Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung einen klaren Auftrag: Erstere schien gesichert, der Fokus konnte daher auf der Senkung der Arbeitslosigkeit liegen, so die Analysten der Helaba. Kritik an einer zu lockeren Geldpolitik habe es - zu Recht - trotzdem gegeben, denn die reichliche Liquidität habe zwar nicht die Preise von Waren und Dienstleistungen nach oben gespült, aber blasenartige Entwicklungen an vielen, wenn nicht allen, Finanzmärkten gefördert.

In der Pandemie habe sich das Problem der überdimensionierten Liquiditätszufuhr durch die extraordinären Maßnahmen der FED noch potenziert. Hier könnten die Geldpolitiker allerdings für sich geltend machen, dass die Unsicherheit über die Auswirkungen von Lockdowns und Infektionen so groß gewesen sei, dass sich ein Ansatz "besser zu viel als zu wenig" habe vertreten lassen.

Die warnende Botschaft der breiten Geldmengenaggregate, die 2020 im Gegensatz zur Situation in der Finanzkrise explodiert seien, hätte man dennoch hören können. Dies gelte vor allem ab dem Frühjahr 2021, als klar erkennbar gewesen sei, dass eine kräftige konjunkturelle Erholung gelaufen sei, die vom Stimuluspaket Präsident Bidens zusätzlich angeschoben werden würde. Auch hier lasse sich aber noch die Einzigartigkeit des Pandemieschocks als teilweise Entschuldigung anführen, warum man nicht, wie eigentlich erforderlich, die geldpolitischen Hebel umgelegt habe.

Wie man heute wisse, habe die FED diesen Absprung verpasst. Erst viel zu spät, im Frühjahr 2022, habe sie mit der Rücknahme des Expansionsgrades begonnen. Bis März sei sie durch die monatlichen Anleihekäufe sogar immer noch expansiver geworden. Das Tempo, das sie dann an den Tag gelegt habe, sei der dramatischen Situation an der Inflationsfront aber durchaus angemessen gewesen. Von quasi null sei der Leitzins bis Ende 2022 auf fast 4,5% gestiegen.

Auch dies sei jedoch letztlich ein geldpolitisches "dünnes Brett" gewesen, denn die enorme Inflation und der extrem enge Arbeitsmarkt hätten beide in Richtung einer restriktiven Geldpolitik gedeutet. Die eigentliche Herausforderung für die Entschlossenheit der Notenbanker stehe noch bevor. Der Jubel, mit dem die Finanzmärkte zuletzt selbst kleine Überraschungen bei den Inflationsdaten begrüßt hätten, unterstreiche, wie groß die Hoffnungen auf einen baldigen Kurswechsel der FED seien.

Es sei aber äußerst unwahrscheinlich, dass sich der Preisdruck im Dienstleistungsbereich spürbar senken lasse, ohne eine deutliche Abkühlung am Arbeitsmarkt herbeizuführen. Hierauf würden die Daten bislang wenig Hinweise geben. Das Wirtschaftswachstum sei im dritten Quartal mit annualisiert 3,2% merklich besser ausgefallen als erwartet und auch für Q4 zeichne sich ein robuster Anstieg des realen Bruttoinlandsproduktes ab. Die Arbeitslosenquote verharre nahe des 50-Jahrestiefs.

Für die kommenden Monate gebe es nun zwei Möglichkeiten: Entweder die Konjunktur kühle sich ab und die Arbeitslosigkeit steige (dies sei das Basis-Szenario der Analysten), was der FED erlauben werde, bald in eine abwartende Haltung zu wechseln. Die Analysten hätten ihre Prognose für den Hochpunkt der Federal Funds Rate noch einmal leicht angehoben. In der Spitze dürfte der Leitzinskorridor im März 4,75% bis 5,00% erreichen. Oder es dauere länger, bis die Geldpolitik erkennbare Bremsspuren hinterlasse und eine weiter inakzeptabel hohe Inflation zwinge die Notenbank deutlich über 5% hinaus zu gehen.

In beiden Fällen werde der politische Gegenwind für die Notenbank erheblich zunehmen. Der drastische Zinsanstieg schlage sich bereits in einem Einbruch am Wohnungsmarkt nieder. Je höher es gehe, umso lauter würden hier die Klagen. Auch werde die Rekordschuldenlast der öffentlichen Hand teurer. Zunehmende Arbeitslosigkeit werde schnell Politiker auf den Plan rufen, die in der Inflation plötzlich das kleinere Übel sehen würden. Dies werde ein echter Stresstest für die Geldpolitik. Habe die FED die Nerven, diesem Druck standzuhalten und den zur Eindämmung der Inflation erforderlichen Restriktionsgrad aufrechtzuerhalten? Oder würden jene Recht behalten, die seit Jahren behaupten würden, die FED hätte insgeheim die Inflationsbekämpfung anderen Zielen untergeordnet? Die nächsten Monate würden die Antworten bringen. (06.01.2023/alc/a/a)