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03.09.21 10:00
Jackson Hole: Alle Jahre wieder
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Letzte Woche hat die Federal Reserve Bank of Kansas City wieder Zentralbanker aus aller Welt zum alljährlichen Treffen nach Jackson Hole, Wyoming, USA eingeladen, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.

Wer von Süden her in den Yellowstone Nationalpark fahre, fahre durch das Tal von Jackson Hole, welches mit seiner wunderschönen Landschaft besteche. Allerdings ist mir die schöne Landschaft des Tals nicht in Erinnerung geblieben; erst als ich mich mit dem Thema für diesen Kommentar befasst habe und mir die geografische Lage von Jackson Hole angeschaut habe, ist mir in den Sinn gekommen, dass ich dort wohl auch während meiner Reise vor circa 30 Jahren durchgefahren sein muss, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A. Im Gegensatz dazu seien einige der seit dem ersten Treffen 1978 gehaltenen Reden und der zu diesen Anlässen verfassten Beiträge dem Senior Portfolio Manager, aber wohl auch dem ein oder anderen, besser in Erinnerung geblieben.

2010 beispielsweise habe der damalige Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, im Rahmen dieses Treffens ein weiteres Anleihenankaufsprogramm namens QE2 angekündigt. 2013 habe Bernanke die Katze bereits früher aus dem Sack gelassen und bereits im Juni eine baldige Verringerung der Anleihenkäufe ("Tapering") in Aussicht gestellt, um dann gar nicht erst zum Treffen in Jackson Hole zu erscheinen. Im letzten Jahr habe der derzeitige - und wahrscheinlich auch zukünftige - Chef der US-Zentralbank, Jerome Powell, das Konzept des "average inflation targeting" eingeführt. Dieses besage, dass die Zentralbank ein kurzfristiges Über- oder Unterschreiten ihres Inflationszieles akzeptieren werde, ohne Gegenmaßnahmen einzuleiten, solange sie langfristig eine Rückkehr der Inflation auf ihr Ziel erwarte. In dieser Situation befinde sich die US-Wirtschaft seit Mai 2021 mit Inflationsraten von 5% oder mehr. Andererseits beharre die US-Federal Reserve auf ihrem Ausblick, dass sich die Inflation im kommenden Jahr wieder auf 2% verringern solle.

Auch in diesem Jahr sei die Aufmerksamkeit im Wesentlichen wieder auf die erwartete Reduzierung der Anleihenkäufe durch die FED ("Tapering") gerichtet gewesen. Viele Notenbanker hätten sich zuletzt zu diesem Thema geäußert und - je nach persönlicher Lageeinschätzung - ein frühes oder späteres Verringern der Anleihenkäufe gefordert. Aber wie so oft in letzter Zeit, habe die US-Zentralbank und ihr Chef Jerome Powell die Erwartungen diesbezüglich enttäuscht und keine eindeutigen Hinweise über die zeitliche Umsetzung des Taperings gegeben. Zwar habe er die Märkte auf eine baldige Reduzierung der Anleihenkäufe vorbereitet, aber der Zeitpunkt, wann die Anleihenkäufe ganz auf Null zurückgefahren würden, sei weiterhin vollkommen unklar.

Gänzlich überraschen tue dies nicht, wenn gleich sich damit das diesjährige Treffen in Jackson Hole nicht in die Riege erinnerungswerter Treffen einreihe. Allerdings stünden jedes Jahr die planmäßigen FED-Sitzungen im Juni und September an und seien wichtige Termine, zu denen die US-Federal Reserve turnusmäßig ihren wirtschaftlichen Ausblick sowie die "Dot Plot" genannten Prognosen für die zukünftige Entwicklung der Zentralbankzinsen überarbeite. Bei dieser Gelegenheit würden die US-Notenbanker nicht zuletzt das Tempo der zukünftigen Anleihekäufe diskutieren. Es lohne also, sich die nächste Sitzung, welche am 21. und 22. September stattfinde, zu merken, deren Ergebnisse gewohnheitsmäßig erst am zweiten Tag abschließend verkündet würden.

Entscheidend für das Zurückfahren der Anleihenkäufe werde nun die weitere Entwicklung des US-Arbeitsmarkts. Laut den Statistiken des US-Arbeitsministeriums sei die Anzahl der Beschäftigtenverhältnisse außerhalb der Landwirtschaft noch fast 6 Millionen unter dem Stand von Februar 2020. Jerome Powell habe zwar eine schnelle Erholung des Arbeitsmarkts festgestellt, aber diese sei immer noch nicht ausreichend, um ein Zurückfahren der Anleihenkäufe zu rechtfertigen. Außerdem betone er, dass die Zahlen fälschlicherweise einige Arbeitskräfte als beschäftigt ausweise. Daher sei eine gewisse Vorsicht seitens der FED verständlich.

Eine unerwartet starke Erholung des Arbeitsmarkts dürfte jedoch perspektivisch zu einer schnelleren Verringerung der Anleihenkäufe führen. Die geringeren Anleihenkäufe seien weiterhin ein positiver monetärer Impuls, wenn auch mit geringerer Wirkung. Diese werde mit der letzten gekauften Anleihe gänzlich nachlassen. Auch wenn die Anleihenkäufe der Federal Reserve nur ein Faktor für die Entwicklung der langfristigen Renditen seien, so würden sie doch einen Renditeanstieg, der sich aus den gestiegenen Inflationserwartungen ableiten lasse, noch eine gewisse Zeit lang begrenzen.

Das vorsichtige Vorgehen der US-Zentralbank berge natürlich auch die Gefahr, dass sie die Zinsen in der Zukunft deutlich stärker als erwartet anheben müsse. Dies spreche zumindest für eine Versteilerung der US-Zinskurve. Die Deutung der Inflationsentwicklung sei weiterhin besonders schwierig. Wie viele der Faktoren, wie zum Beispiel Anstieg der Gebrauchtwagenpreise, der Bauholzpreise oder aber der Transportkosten, die für den aktuellen Anstieg der Konsumentenpreise auf 5% verantwortlich seien, würden sich verlangsamen oder sogar umkehren? Und was sei dauerhaft? Ohne einen deutlichen Anstieg der Löhne und nachfolgend der Mieten werde ein dauerhaftes Ansteigen der Inflation auf über 2% kaum möglich sein.

Das aktuelle Überschießen der Inflation werde im nächsten Sommer für den gegenläufigen Effekt sorgen und einen möglichen langanhaltenden Aufwärtstrend der Inflation überdecken. Es sei gar nicht so unwahrscheinlich, dass die ausgewiesene Inflationsrate in den USA im nächsten Sommer wieder unter 2% fallen werde, obwohl sich die Preisentwicklung unter der Oberfläche weiter beschleunige. Andererseits könnten sich auch die Prognosen der FED bewahrheiten und die US-Inflation werde sich wieder dauerhaft bei 2% einpendeln. Hier sollte der Anleger vorsichtig mit der Interpretation der Zahlen sein. Auch die anhaltende Unsicherheit sei ein Grund für höhere Renditen am langen Ende der US-Zinskurve.

Mit Spannung erwarten wir also die anstehenden FED-Sitzungen und sind gespannt, ob das Jackson Hole-Treffen im kommenden Jahr wieder eins für die Geschichtsbücher wird, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A. (Ausgabe 9 vom September 2021) (03.09.2021/alc/a/a)


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