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15.02.21 10:15
US-Notenbank: Kein "Free-Lunch"
Janus Henderson Investors

London (www.anleihencheck.de) - In seiner letzten Rede vor dem Economic Club of New York wiederholte Jerome Powell seine jüngste Botschaft, dass die US-Notenbank es nicht eilig habe, ihre Haltung zu den Zinssätzen oder ihr Anleihekaufprogramm zu überdenken, so Paul O'Connor, Head of Multi-Asset bei Janus Henderson Investors.

Powell habe im Wesentlichen die allgemeine Richtung bekräftigt, die mit dem neuen geldpolitischen Rahmen der FED eingeführt worden sei. Diese Strategie habe die politischen Prioritäten der FED verlagert. Sie habe mehr Wert darauf gelegt, die US-Wirtschaft wieder zur Vollbeschäftigung zu bringen und weniger auf eine Straffung der Geldpolitik, um einer steigenden Inflation zuvorzukommen. Es handle sich um eine geduldige und gemäßigte FED, die weder plane die Zinsen zu erhöhen, bis Vollbeschäftigung erreicht sei, noch die Anleihekäufe zu reduzieren, bis substanzielle weitere Fortschritte in Richtung dieses Ziels gemacht worden seien.

Natürlich habe sich viel verändert, seit die FED im letzten Sommer ihren neuen geldpolitischen Rahmen vorgestellt habe. Während es damals keinen klaren Weg aus der Pandemie gegeben habe und das Vertrauen in die Weltwirtschaft gering gewesen sei, habe sich der Konsens an beiden Fronten in den letzten Monaten deutlich verbessert. Die rasche Entwicklung und Einführung von Impfstoffen habe das Vertrauen in die "V"-förmige Erholung der US-Wirtschaft gestärkt, die sich in diesem Jahr und bis ins Jahr 2022 fortsetzen solle. Während eine zentrale Frage an den Finanzmärkten im letzten Jahr gewesen sei, ob die Zentralbanken genug zur Unterstützung des Aufschwungs tun könnten, würden sich einige nun beginnen zu fragen, ob die FED zu viel tue angesichts der erwarteten Aufhebung des Lockdowns zur Jahresmitte und des Ausmaßes der fiskalischen Maßnahmen die jetzt von der neuen US-Regierung komme.

Die Regierung Biden habe sich an der Fiskalfront Mut bewiesen. Sie habe dem 900 Milliarden Dollar schweren Konjunkturpaket der Vorgängerregierung vom Dezember ein zusätzliches Paket im Umfang von 1,9 Billionen Dollar folgen lassen, das nun den Weg durch den legislativen Genehmigungsprozess finde. Bezogen auf das BIP hätten diese Pakete einen Wert von über vier beziehungsweise rund neun Prozent. Während die meisten Beobachter erwarten würden, dass der aktuelle Vorschlag in den kommenden Wochen etwas zurückgeschraubt werde, werde dennoch erwartet, dass es eine massive Finanzspritze bleiben werde. Darüber hinaus werde in den kommenden Monaten ein noch größeres Konjunkturprogramm erwartet, das sich auf die Infrastruktur, bezahlbaren Wohnraum und die Umwelt konzentriere. Man erwarte, dass es sich dabei um ein Paket von 2 bis 3 Billionen Dollar handle, verteilt über vier oder fünf Jahre.

Die Ökonomen seien noch dabei, die Auswirkungen dieser fiskalischen Neuerungen der gerade gewählten Regierung zu berechnen. Es überrasche nicht, dass die Konsensprognosen für das US-BIP und die Inflation steigen und die Erwartungen für das Ausmaß des Booms 2021/2022 immer größer würden. Einige Beobachter hätten Bedenken geäußert, dass das Ausmaß der Konjunkturmaßnahmen übertrieben sei, da die US-Haushalte bereits beträchtliche Ersparnisse angehäuft hätten. Zudem werde allgemein erwartet, dass sie ihre Ausgaben erhöhen würden, sobald der Dienstleistungssektor in den kommenden Monaten wieder öffne.

Eine längerfristige Sorge seien die Auswirkungen der Finanzspritze auf den Umfang der US-Staatsverschuldung, da der Schuldenberg in diesem Jahr von vor der Pandemie 80% des BIP auf weit über 100% des BIP ansteigen dürfte. Während die Finanzierung dieser Verschuldung bei niedrigen und stabilen Zinssätzen nicht schwierig sei, könnte die fiskalische Arithmetik später anspruchsvoller werden, wenn die Inflation wieder nachhaltig auf Zielkurs komme und die Zinssätze sowie Anleiherenditen deutlich ansteigen würden.

Dennoch scheine das Risiko einer Überhitzung der US-Wirtschaft durch die Fiskalpolitik im Moment nicht die dringlichste Sorge zu sein. Denn das mutierende Coronavirus sei immer noch ein enormer Gegner, die US-Inflation liege weit unter dem Zielwert und die US-Beschäftigung sei etwa 10 Millionen Stellen unter dem Niveau von vor der Pandemie. Zwar seien die Konsensprognosen für die US-Inflation in den letzten Monaten gestiegen, doch selbst die optimistischsten Prognostiker würden davon ausgehen, dass die FED ihr Ziel erst gegen 2023 nachhaltig erreichen werde. Darüber hinaus seien weder die Haushalts- noch die breitere Wachstumsdynamik in anderen großen Volkswirtschaften so positiv wie in den USA. Die Konsensprognosen für die Verbraucherpreisinflation 2021 in China, der Eurozone und Japan lägen bei 1,5%, 1% bzw. 0% und würden nach unten tendieren. Die vor wenigen Tagen veröffentlichten Daten hätten gezeigt, dass der jüngste chinesische Verbraucherpreisindex bei -0,3% gelegen habe und damit nahe eines 10-Jahres-Tiefs.

Trotz der beispiellosen Kombination aus einer extrem expansiven US-Fiskalpolitik und einer äußerst akkommodierenden US-Notenbank deute alles darauf hin, dass es noch zu früh sei, sich über das Risiko einer Überhitzung der US-Wirtschaft Sorgen zu machen. Die enormen fiskalischen Maßnahmen in den USA würden den Aufschwung in diesem und im nächsten Jahr ankurbeln. Es scheine jedoch immer noch unwahrscheinlich, dass er die Art von Inflationsdruck erzeuge, die eine geduldige Federal Reserve zwingen würde, ihre Pläne zu überdenken. Das scheine die Botschaft zu sein, die die Zentralbank in der vergangenen Woche gesendet habe.

Die Aussicht auf eine rasche Erholung des US-Wachstums in Verbindung mit einem allmählichen Anstieg der Inflation sei eindeutig ein sehr positiver Rahmen für die Finanzmärkte. Da dieses optimistische Wirtschaftsszenario nun jedoch die Konsensmeinung der Marktteilnehmer darstelle, sei es wichtig, auf mögliche Gefahren dieser rosigen Aussichten zu achten. Eine grundsätzliche Sorge sei die ungewöhnlich hohe Unsicherheit der Wirtschaftsprognosen. Grund dafür seien die beispiellosen Auswirkungen der Pandemie und der geringe Erfahrung der Ökonomen bei der Kalibrierung der Folgen koordinierter geld- und fiskalpolitischer Interventionen in dieser Größenordnung. Während die Konsensprognosen seit der globalen Finanzkrise die Inflation in der Regel überschätzt hätten, könnte das neue fiskalpolitische Regime hier durchaus einen Wendepunkt darstellen. Die Möglichkeit einer überraschend schnellen Erholung der US-Löhne und der Inflation sei nun ein Risikoszenario, das in den USA genau beobachtet werden sollte. Es werde mit der Zunahme der fiskalischen Maßnahmen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Finanzmärkte hätten in den letzten Monaten eine recht einfache Geschichte erzählt: Sie hätten den Optimismus begrüßt, der mit den Impfstoffen, dem wieder einsetzenden Wirtschaftsboom und dem unterstützenden politischen Umfeld einhergehe. Jetzt könnte es komplizierter werden. Wenn die US-Inflation den von den meisten erwarteten langsamen Anstieg vollziehe, dann könne die Geldpolitik in dem allmählichen Tempo normalisiert werden, das an den Finanzmärkten eingepreist sei. Ein überraschender Anstieg der Inflation würde jedoch zu einer abrupten Neubewertung von Assets führen, mit bedrohlichen Auswirkungen auf die Rentenmärkte und unvermeidlichen Kollateralschäden für andere Assets. Im Moment ist dies für uns ein Tail-Risk-Szenario und nicht unser zentrales Szenario, so die Experten von Janus Henderson Investors. (15.02.2021/alc/a/a)


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