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07.10.20 15:00
Zinsen bleiben niedrig
Raiffeisen Centrobank

Wien (www.anleihencheck.de) - Einmal im Jahr treffen sich die internationalen Notenbanker - normalerweise in den Bergen von Wyoming, Jackson Hole, so die Analysten der Raiffeisen Centrobank.

In diesem Jahr wurde das Symposium wegen der Pandemie virtuell abgehalten. Marktteilnehmer fiebern dem Treffen stets mit großer Spannung entgegen, weil sie Indizien für den künftigen Zinskurs der Notenbanken erwarteten. Einmal mehr stand die Rede von US-Notenbankchef Jerome Powell im Fokus. Denn es wurde erwartet, dass er erste Andeutungen zu den Ergebnissen der 2018 eingeleiteten Strategieüberprüfung der Federal Reserve machen würde.

Die Hoffnungen sollten nicht enttäuscht werden, im Gegenteil: Powell sei sogar deutlicher geworden als erwartet. Demnach verabschiede sich die FED von ihrem starren Inflationsziel, das seit den 1980er-Jahren Bestand habe. Nun solle das Inflationsziel der US-Notenbank nicht mehr zu jedem Zeitpunkt nahe zwei Prozent sein, sondern im Durchschnitt über längere Zeiträume dem Zwei-Prozent-Ziel entsprechen. Mit anderen Worten: Sei die Inflation in den vergangenen Jahren unter dem Ziel gewesen, könne und solle sie in den kommenden Jahren über zwei Prozent liegen. Außerdem wolle die FED sich noch stärker für die Beschäftigung engagieren. Grund sei, dass die unteren und mittleren Einkommen besonders von guten Arbeitsmärkten profitieren würden. Auch diese Maßnahme spreche für die Duldung einer höheren Inflation.

Die historische Entscheidung der FED habe enorme Tragweite. Schließlich würden sich die US-Währungshüter den nötigen Spielraum verschaffen, um die Leitzinsen bis auf weiteres auf dem aktuell niedrigen Niveau nahe null Prozent zu halten. Einer noch länger andauernden expansiven US-Geldpolitik sei damit der Weg geebnet. Ähnliche Entwicklungen könnten auch in Europa anstehen. Zwar werde die Europäische Zentralbank (EZB) die Ergebnisse ihrer Strategieüberprüfung voraussichtlich erst in etwa einem Jahr abschließen. EZB-Chefin Christine Lagarde habe jüngst aber die Tür in Richtung eines flexibleren Inflationsziels aufgestoßen.

"Wir müssen die Kräfte, die heute die Inflationsdynamik antreiben, gründlich analysieren und überlegen, ob und wie wir unsere Strategie als Reaktion darauf anpassen sollten", habe Lagarde kürzlich auf einer Tagung in Frankfurt gesagt. "Wir sollten ein Inflationsziel haben, das glaubwürdig ist und das die Öffentlichkeit leicht verstehen kann." Darüber hinaus habe die Französin auf die Möglichkeit eines neuen Zeithorizonts hingewiesen, in der das Inflationsziel erreicht werden solle. Konkret habe Lagarde angedeutet, dass die EZB Zeiten mit besonders niedriger Inflation dadurch ausgleichen könnte, dass sie zeitweise höhere Inflationsraten akzeptiere.

Damit steige die Wahrscheinlichkeit, dass die Geldpolitik auch im Euroraum noch lange Zeit sehr locker bleibe. Schließlich befinde sich die Inflationsrate inzwischen seit fast zwei Jahren unterhalb des EZB-Zielwertes. Um im Durchschnitt zwei Prozent zu erreichen, müsste die Inflation daher für einige Zeit oberhalb der Zielmarke liegen. Für Anleger bedeute das: Sie sollten sich für einen längeren Zeitraum auf Nullzinsen und eine höhere Inflation einstellen. (07.10.2020/alc/a/a)



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