Erweiterte Funktionen

USA: Die FED macht Ernst


28.01.22 12:54
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Vor einer Woche haben wir an dieser Stelle darüber gesprochen, dass die vom Markt eingepreisten Zinserhöhungen der FED offenbar sehr stark vom Straffungszyklus nach der Finanzkrise beeinflusst sind - und dass dies gegebenenfalls nicht die richtige Orientierungshilfe sein könnte für das, was nun ansteht, so die Analysten der Helaba.

Leider schien sich die FED selbst dieser Meinung bislang zu verschließen. Unter Verweis auf Abwärtsrisiken und den angeblich "transitorischen" Charakter des Teuerungsschubs habe sie das ganze Jahr 2021 hindurch noch Öl ins konjunkturelle Feuer gegossen. Und dies nicht nur durch einen immer negativer werdenden Realzins, sondern über eine umfangreiche Ausweitung ihrer Bilanzsumme durch Anleihekäufe, deren monatliches Volumen auch lange nach dem Ende der eigentlichen Krise 2020 noch deutlich höher gewesen sei als nach der Finanzkrise.

Jay Powells Aussagen auf der Pressekonferenz und das Kommuniqué vom 26. Januar würden die Analysten aber so interpretieren, dass die FED nun "Ernst mache" und das Eindämmen der Inflation zu ihrem dringendsten Ziel erkläre. Dies mache auch Sinn, denn die Verbraucherpreisdaten vom Dezember seien erneut spürbar höher als erwartet gewesen. Bei den hierfür in erster Linie ursächlichen Engpässen sei - wie auch die Daten der Berichtswoche zeigen würden - weiterhin nur ein sehr gradueller Fortschritt erkennbar.

Wahrscheinlich würden diese "bottlenecks" - auch wegen Omikron - länger bzw. stärker preistreibend wirken als die Analysten bisher unterstellt hätten. Sie würden daher ihre Prognose für den Preisauftrieb in den kommenden Monaten nach oben anpassen. Im Jahresdurchschnitt ergebe sich damit für 2022 ein Anstieg der Verbraucherpreise um 5,1% (bisher: 4,8%). Die FOMC-Mitglieder hätten auf dieser Sitzung ihre Projektionen nicht aktualisiert, aber auf der Pressekonferenz habe Powell gesagt, dass sich zumindest seine eigene Prognose seit der Dezembersitzung in ähnlicher Größenordnung nach oben bewegt habe.

Als Konsequenz würden die Analysten davon ausgehen, dass die FED ihren Leitzins 2022 mindestens fünfmal um 25 Basispunkte anheben werde, das erste Mal bereits in der kommenden FOMC-Sitzung im März. Damit würde der Zielkorridor Ende des Jahres bei 1,25% bis 1,5% liegen, 50 Basispunkte höher als bisher unterstellt. Darüber hinaus werde man voraussichtlich im Sommer mit dem passiven Abschmelzen der aufgeblähten Bilanzsumme beginnen. Auch hier dürfte die FED ein höheres Tempo an den Tag legen als im letzten Zyklus.

Sollten sich die Engpässe an den Produkt- und Arbeitsmärkten nicht wie unterstellt bessern, seien weitergehende Zinserhöhungen ein echtes Risiko. Wenn der enorme Preisdruck nicht durch eine Entspannung der Engpasssituation erkennbar abnehmen sollte, wäre auch eine Zinserhöhung auf jeder der sieben FOMC-Sitzungen des Jahres denkbar, also so wie im Zinszyklus ab 2004. Das Risiko, dass sich die Inflation auf einem inakzeptablen Niveau verfestige, nehme nämlich mit jedem Monat erhöhten Preisdrucks zu.

Was bedeute die neue Gangart der FED nun für das Wachstum? Die jetzt erwartete Erhöhung des Leitzinses dürfte aus mehreren Gründen die Konjunktur nicht massiv bremsen. Die FED nehme gemessen am nominalen Leitzins nur den aktuell enormen Expansionsgrad etwas zurück, von einer neutralen bzw. gar restriktiven Politik bleibe man zunächst weit entfernt. Zudem falle die Inflation deutlich höher aus als vor einem Jahr gedacht. Für die Konjunktur sei der Realzins aber wichtiger als das nominale Zinsniveau. Die Wirkung eines höheren Leitzinses hänge zudem davon ab, wie stark dieser letztlich die für den privaten Sektor relevanten Finanzmarktbedingungen - also z.B. Langfristzinsen, Wechselkurs und Aktienmarkt - straffe. Hier würden sich die Anpassungen der Analysten-Prognosen in Grenzen halten, sodass die Nachfrage überschaubar gedämpft werde.

Ein guter Teil der in den kommenden Quartalen erwarteten konjunkturellen Dynamik habe sowieso Ursachen, die von etwas höheren Zinsen nicht annähernd kompensiert werden dürften: Die akuten Engpässe würden Investitionen in zusätzliche Kapazitäten derzeit finanziell so attraktiv machen, dass marginal teurere Kredite sie wohl kaum ausbremsen würden.

Auch sei die Normalisierung nach der Pandemie keineswegs abgeschlossen: Der leergefegte Pkw-Markt spreche für einen spürbaren Anstieg der Autokäufe im Jahresverlauf, wenn die derzeit knappen Computer-Chips wieder vermehrt zur Verfügung stünden. Die Haushalte würden weiter auf einem Berg aus Erspartem sitzen und einige Ausgabekategorien wie für Tourismus seien noch immer nennenswert unterhalb ihres Vorkrisenniveaus. Ob auch der vielerorts heiß gelaufene Wohnimmobilienmarkt den erwarteten Zinsanstieg ohne Weiteres abschütteln könne, sei eine andere Frage - und ein mögliches Thema für einen eigenständigen zukünftigen Beitrag. (28.01.2022/alc/a/a)