Tschechische Republik: Schwache Krone spricht für baldige Leitzinsanhebungen


13.06.18 12:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die tschechische Wirtschaft hat im ersten Quartal die Konjunkturdelle in Deutschland und Euroland zu spüren bekommen, so die Analysten der DekaBank.

Die schwachen Exporte hätten dazu geführt, dass das BIP-Wachstum sich auf 0,4% gegenüber dem Vorquartal halbiert habe und im Vorjahresvergleich von den sehr hohen Raten von über 5% auf 4,4% zurückgegangen sei. Die Analysten hätten die Gesamtjahresprognose für 2018 auf 3,2% nach unten angepasst. Die inländische Nachfrage dürfte auch im weiteren Jahresverlauf als Wachstumsstütze dienen. Die Tschechische Zentralbank, der europäische Vorreiter in Sachen der geldpolitischen Normalisierung, habe zuletzt im Februar 2018 den Leitzins auf 0,75% angehoben. Die Entwicklung der Inflation und des Wechselkurses bis Mai hätten die Zentralbank in ihrem Kurs auf langsame Normalisierung bestätigt.

Doch in den letzten Wochen sei der Wechselkurs der Tschechischen Krone (CZK) unter Druck geraten. Die Währung habe zwischen zeitlich auf 25,90 EUR/CZK abgewertet, während die Zentralbank in ihren Projektionen eine Aufwertung der Krone auf 25,2 EUR/CZK im zweiten Quartal und auf unter 25 EUR/CZK im weiteren Jahresverlauf unterstelle. Auch die Inflationsrate sei im Mai wegen der schwachen Währung und der gestiegenen Ölpreise stärker als erwartet um 0,5% mom (2,2% yoy) angestiegen. Deshalb würden die Analysten erwarten, dass die nächste Zinsanhebung auf dann 1,0% bereits im August vorgenommen werde. In der kommenden Sitzung am 27. Juni dürfte dieser Zinsschritt kommunikativ vorbereitet werden.

In puncto Koalitionsbildung habe die ANO-Partei seit ihrem Wahlsieg im Oktober nicht viel erreicht. Das Ermittlungsverfahren gegen den ANO-Vorsitzenden Andrej Babis wegen Subventionsbetrug stelle nach wie einen Stolperstein für die potenziellen Koalitionspartner dar. Nachdem im Januar die erste Minderheitsregierung das Vertrauensvotum im Parlament nicht überlebt habe, seien im April die Verhandlungen mit der sozialdemokratischen Partei gescheitert. Der nächste mögliche Koalitionspartner seien die Kommunisten und die rechte SPD, doch die Zusammenarbeit mit den Rechten sei auch innerhalb der ANO umstritten. Der Präsident scheine Babis und seiner Interimsregierung sehr viel Zeit für die Suche nach Kooperationspartnern zu geben, bevor er die Vertrauensfrage erneut ins Parlament bringe: Zwei Chancen habe die ANO dort noch. Doch vorgezogene Neuwahlen würden immer wahrscheinlicher.

Eine solide Binnennachfrage und der EU-Investitionszyklus würden das Wachstum unterstützen, während sich die Konjunkturdelle in Deutschland schon jetzt negativ auswirke. Skandale in der deutschen Autoindustrie würden zwar aufgrund des hohen Anteils der Branche in Tschechien theoretisch ein Risiko für die Konjunkturentwicklung darstellen, die Auswirkungen würden allerdings bislang gering bleiben.

Tschechiens Länderrating im oberen Einfach-A bzw. unteren Doppel-A-Bereich der großen Ratingagenturen sei seit Jahren unangetastet. Solide Staatsfinanzen und der zuletzt registrierte Budgetüberschuss würden für eine über Jahre konservative Fiskalpolitik sprechen. Gutes Wirtschaftswachstum, ein solides Bankensystem und die Position als Netto-Kreditgeber gegenüber dem Ausland würden aus Risikosicht wenig Anlass zur Sorge um Herabstufungen geben, selbst wenn die neue Regierung sich etwas ausgabefreudiger zeige.

Die Staats- und Bruttoaußenverschuldung lägen mit ca. 33% bzw. 84% des BIP im komfortablen Bereich und würden das Land im Vergleich zu anderen Ländern der Region Mittel- und Osteuropa unterdurchschnittlich anfällig auf das Italien-Risiko machen. Demographie und schwaches Produktivitätswachstum würden das Wachstumspotenzial begrenzen. Die seit den Parlamentswahlen im Oktober herrschende politische Instabilität sei für das Land kein Novum, und historisch gesehen hätten solche Phasen in Tschechien nur sehr geringe Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Entwicklung gehabt. (Ausgabe vom 12.06.2018) (13.06.2018/alc/a/a)