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Russland: Zentralbank schaltet in den Normalisierungsmodus


05.03.21 12:45
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Am 2. März haben die USA und die EU koordinierte Sanktionen gegen Russland aufgrund der mutmaßlichen Verwendung eines als chemische Waffe eingestuften Giftes gegen den Oppositionspolitiker Nawalny bekannt gegeben, berichten die Analysten der DekaBank.

Zu den Maßnahmen würden persönliche Sanktionen gegen einige Führungskräfte der Präsidentenadministration und Sicherheitsministerien sowie staatliche Forschungsorganisationen gehören. Bei aller diplomatischen Tragweite seien die wirtschaftlichen Auswirkungen relativ gering, selbst wenn man eine symmetrische Antwort Moskaus berücksichtige. Doch als Grundlage für einen Teil der Sanktionen hätten die USA das Gesetz über chemische Waffen verwendet, das eine zweite Sanktionsrunde vorsehe, wenn keine glaubwürdige Beseitigung der chemischen Waffen stattgefunden habe. 2019 habe dieses Gesetz Russland unter Trump die Einschränkungen für den Hartwährungsanleihenprimärmarkt "eingebrockt".

Darüber hinaus würden Maßnahmen wegen der Cyberangriffe drohen, die Russland zugeschrieben würden, sowie andere Maßnahmen, die Teil einer umfassenderen Überprüfung der bilateralen Beziehungen unter der Biden-Administration sein könnten. Das Sanktionsrisiko bleibe somit für Russland immanent. Allerdings sei für Biden die Wiedereinrichtung der internationalen Vertragswerke wichtig, wofür er auf die Zusammenarbeit mit Russland angewiesen sei. Das reduziere zumindest vorerst die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenderen Sanktionen gegen Russland, wie ein weiterer Einschnitt in die Investierbarkeit der russischen Staatsanleihen oder Einschränkungen des Zugangs zu USD-Liquidität für den russischen Staatssektor.

Im Spannungsfeld der Sanktionen dürfte der Rubel volatil bleiben, was der Zentralbank die Arbeit erschwere. Ein stabiler Wechselkurs würde sowohl den Inflationsdruck und als auch Inflationserwartungen eindämmen. Die Teuerungsrate sei in den vergangenen Monaten vor allem aufgrund der Kategorien außerhalb der Kerninflation wie Lebensmittel hoch gewesen: Im Februar dürfte die jährliche Inflation mit 5,5% deutlich oberhalb des Zentralbankziels liegen. Die Zentralbank-Falken seien deshalb bereits in Alarmbereitschaft. Bei ihrer Sitzung im Februar habe das geldpolitische Komitee nicht nur den Leitzinssenkungszyklus für beendet erklärt, sondern auch verbal die geldpolitische Normalisierung eingeläutet.

Die wöchentlichen Preisanstiege und auch die Inflationserwartungen der Bevölkerung seien zuletzt rückläufig gewesen. Das Renditeniveau und die Risikoprämien für russische Anleihen seien gleichzeitig angestiegen, was bereits leicht restriktiv wirke. Deshalb erwarten die Analysten der DekaBank in Russland in Abwesenheit von Sanktions- oder Ölpreisschocks für den Großteil dieses Jahres eine akkommodierende Geldpolitik. Leitzinsanhebungen stünden nach ihrer Erwartung erst ab Herbst auf der Tagesordnung.

Die derzeitige Wirtschaftskrise stelle insbesondere für die privaten kleinen und mittleren Unternehmen in Russland eine Herausforderung dar. Es sei wahrscheinlich, dass die Wirtschaft nach der Corona-Rezession noch stärker staatlich kontrolliert werde.

Das Risiko internationaler Sanktionen gegen Russland bleibe immanent, doch strikte Wirtschaftssanktionen seien gegenwärtig nicht das Hauptszenario der Analysten. Russland habe sich aufgrund des seit Jahren herrschenden Sanktionsregimes mit dem Westen bereits auf eine mögliche Isolation von den Finanzmärkten vorbereitet. Die Ausstattung mit internationalen Reserven sei komfortabel. Die Reduzierung der Ölproduktion im Rahmen von OPEC+ führe in Russland trotz der Erholung der Ölpreise zu Belastungen für den Staatshaushalt. Dank der konservativen Fiskalpolitik der Vergangenheit verfüge Russland aber über fiskalische Puffer und könne sich auch "Wahlgeschenke" im Vorfeld der Parlamentswahl im September durchaus leisten. (05.03.2021/alc/a/a)