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Renten: Zinserhöhungsfantasie macht Druck


15.10.21 14:00
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Renditen von Bundesanleihen testen die Jahreshöchststände. Die dafür im wesentlich verantwortliche Zinserhöhungsfantasie scheint jedoch übertrieben, so die Analysten der Helaba.

In seiner Funktion als deutscher Bankenpräsident habe Christian Sewing die EZB aufgefordert, offen über Wege aus dem gegenwärtigen geldpolitischen Ausnahmezustand zu diskutieren. Im Fokus stünden dabei die Negativzinsen, die nicht nur für das Bankgewerbe zu einer Bürde geworden seien. Auch Versicherer und Kapitalsammelstellen würden unter ihnen sowohl am Geld- als auch im Kapitalmarkt leiden. Die Hoffnung, dass sich etwas ändere, seien jedoch gedämpft. Dafür habe die EZB gesorgt, die durch ihre Strategieanpassung die Weichen für eine Fortsetzung der Niedrigzinspolitik gestellt habe.

Gleichwohl würden sich die Erwartungen der Anleger aufgrund der steigenden Inflation im Euroraum zu verschieben beginnen. Hätten viele gedacht, dass eine Zinsanhebung am Sankt-Nimmerleinstag komme, würden die aktuellen Terminmarktsätze ein verändertes Bild zeigen. So seien die 3M-Sätze auf Sicht von einem Jahr auf zwischenzeitlich -0,4% geklettert. Im März habe der Satz noch bei -0,55% gelegen, also auf Höhe des 3M-Euribors und des EZB-Einlagensatzes.

Offenbar glaube eine wachsende Zahl von Investoren, dass die EZB mit Zinsanhebungen bereits im kommenden Jahr beginnen werde. Sie würde damit aber vermutlich fast zeitgleich mit der US-Notenbank die Zinswende einleiten. Bei Verantwortlichen im EZB-Rat wie Christine Lagarde und Philip Lane herrsche eindeutig die Bereitschaft vor, der US-Notenbank hier den Vortritt zu lassen. Bezüglich des sich auftürmenden Inflationsberges laute ihr Motto, Augen zu und durch. Die Analysten würden angesichts dieser Grundstimmung daher einen Zinsschritt der EZB erst im späteren Jahresverlauf von 2023 erwarten.

Für Bundesanleihen seien die Zinserhöhungsfantasien naturgemäß eine Belastung. Die Rendite 10-jähriger Bunds sei zeitweilig über die Marke von -0,1% und damit auf das Niveau vom Mai gestiegen. Hier scheine es aber erhebliche Widerstände zu geben. Vermutlich wirke dabei auch die EZB im Hintergrund. Noch habe sie durch ihre zwei Kaufprogramme genügend Munition, um einen zu schnellen Renditeanstieg zu verhindern. Während die steigenden Inflationserwartungen einen Belastungsfaktor darstellen würden, sei die wachsende Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung ein gewisses Gegengewicht.

Die EZB scheine sich auf die wachstumsdämpfenden Effekte der Energiepreisexplosion in ihrer Argumentation bereits einzuschießen. Eine restriktive Geldpolitik würde daher aus ihrer Sicht nur zusätzlichen Schaden anrichten. Aktuell beziehe sich das Thema geldpolitischer Anpassungsbedarf ohnehin nur auf die Ausgestaltung der Kaufprogramme im kommenden Jahr. Gleichwohl würden die sich langsam aber stetig normalisierenden langfristigen Inflationserwartungen im Euroraum zeigen, dass die Forderung nach einer kritischen Diskussion bezüglich der EZB-Negativzinsen ihre Berechtigung habe - auch wenn davon im EZB-Rat viele noch nichts wissen wollten. (15.10.2021/alc/a/a)