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Renten: Steigendes Angebot - alles kein Problem?


07.08.20 11:45
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Einigung auf den Corona-Wiederaufbaufonds und die dafür notwendige Emission von EU-Anleihen haben die Anleger kaum beeindruckt, so die Analysten der Helaba.

Die Rendite deutscher Anleihen habe unter dem Eindruck sinkender US-Renditen zuletzt sogar weiter nachgegeben.

Bis zu 750 Mrd. Euro plane die EU in den kommenden Jahren am Rentenmarkt einzusammeln. Die EU-Anleihen mit Qualitätsrating würden in Konkurrenz zu deutschen Staatsanleihen treten. Zwar sei es fraglich, ob die EU den Finanzrahmen komplett ausschöpfe. Auch dürften vor allem sehr lange Laufzeiten von bis zu 40 Jahren emittiert werden. Gleichwohl bleibe die Frage, wie stark die Kurse 10-jähriger Bunds belastet würden. Vermutlich bleibe der Einfluss aber überschaubar. Dies liege erstens an den umfangreichen Kaufprogrammen der EZB, zweitens am Versicherungscharakter von Bundesanleihen im Fall einer Krise der Währungsunion.

Die Wahrscheinlichkeit für letzteres werde durch den solidarischen Akt des EU-Wiederaufbaufonds kurzfristig zwar reduziert, ablesbar u.a. an sinkenden Risikoaufschlägen für italienische Anleihen: Die Rendite 10-jähriger Staatspapiere sei erstmals seit Februar unter die Marke von 1% gerutscht. Die langfristigen Perspektiven seien allerdings nicht ganz so vorteilhaft: Notwendige Reformen würden verschleppt zu werden drohen, die Anreize solide zu wirtschaften würden schrumpfen. Populistische Tendenzen insbesondere in den nördlichen EU-Ländern könnten zunehmen.

Per saldo sei das Thema Staatsverschuldung bislang zu keiner Bürde für die internationalen Anleihemärkte geworden. Zuletzt seien in vielen Ländern die CDS-Prämien zur Absicherung gegen die Ausfallrisiken sogar wieder deutlich gesunken. Die Prämien für 10-jährige Bundesanleihen seien unter die ihrer US-Pendants gefallen. Während der Goldpreis durch die Decke gehe und mittlerweile deutlich über den Krisenniveaus von 2011/2012 notiere, finde man aktuell weitgehend entspannte Anleihemärkte vor. Offenbar könne der Einfluss der Notenbanken mit ihren gigantischen Kaufprogrammen gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ein Übriges tue die anhaltende Unsicherheit über Ausmaß und Folgen der Pandemie.

Solange kein Ende des Alptraums absehbar sei, werde sich vermutlich nicht viel ändern. Unter Druck stünden aufgrund der kritischen Lage in den USA derzeit vor allem US-Renditen, die auf historischen Tiefständen notieren würden. Aufgrund der verschlechterten Konjunkturperspektiven hätten die Analysten letzte Woche ihre US-Wachstumsprognose für das zweite Halbjahr gesenkt, würden aber gleichwohl steigende Renditen bis Jahresende erwarten.

Auffällig sei, dass zuletzt neben den Staatsdefiziten auch die Inflationserwartungen gestiegen seien. Beide Entwicklungen würden weitgehend ignoriert. Stattdessen würden offenbar Wetten auf weitere Aktionen der US-Notenbank laufen. Diese seien aber mit Fragezeichen zu versehen, denn sinnvolle Impulse für die Konjunktur könne derzeit vor allem die Fiskalpolitik geben. Außerhalb des Pandemieszenarios stelle im klassischen Determinantenmodell eine schuldenfinanzierte Konjunkturstimulierung jedoch ein Kursrisiko für Anleihen dar. (07.08.2020/alc/a/a)