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Primärmarktausblick: EU wird neuer Big Player - auch "grün"


18.09.20 16:30
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Shooting-Star am europäischen Primärmarkt dürfte die Europäische Union sein, so die Analysten der Helaba.

Die Refinanzierung der Anti-Corona-Programme SURE und NGEU sorge für einen riesigen Mittelbedarf. Zudem werde die EU einen erheblichen Teil der Bonds "grün" begeben und auch in diesem Segment ein Wachstumsstar sein.

Der Markt für EU-Anleihen werde das größte Wachstumssegment der kommenden Jahre sein. Schon bisher sei die EU, ungeachtet der Europäischen Investitionsbank EIB, als eigener Emittent am Kapitalmarkt aktiv. Drei unterschiedliche Emissionsreihen seien dabei zu nennen: EFSM, MFA (Macro-Financial Assistance) und BoP (Balance of Payments Programme). Sowohl bei der Emissionstätigkeit als auch beim Bestand dominiere bisher der EFSM. Auf das Konto des Stabilitätsmechanismus würden 90% bzw. 46,8 Mrd. Euro der ausstehenden 52 Mrd. Euro gehen.

Allein das SURE-Programm (Support to mitigate Unemployment Risks in an Emergency) erfordere EU-Mittelaufnahmen im Volumen von bis zu 100 Mrd. Euro, wovon rund 30 Mrd. Euro noch in diesem Jahr, ab Oktober, anstehen könnten. Der künftige Finanzierungsbedarf werde aber dominiert durch den Next-Generation-EU-Fonds. Dieser "Wiederaufbaufonds" fasse eine Vielzahl von Programmen zusammen. Der größte Bestandteil sei die RRF (Recovery and Resilience Facility) mit 672,5 Mrd. Euro, gefolgt von ReactEU mit 47,5 Mrd. Euro und restlichen Aktivitäten mit einem Volumen von zusammen 30 Mrd. Euro. Insgesamt sei der Fonds 750 Mrd. Euro schwer, von denen 390 Mrd. Euro als Beihilfen vergeben würden und 360 Mrd. Euro als Kredite.

Von den Ratingagenturen werde die EU, mit Ausnahme von S&P, mit der Höchstnote ausgezeichnet. Zwar stünen ab 01.01.2021 hinter der EU 27 Mitgliedstaaten, von denen nur wenige ein "AAA"-Rating tragen würden. Gleichwohl seien diese per Gesetz verpflichtet, den EU-Haushalt ausreichend mit Mitteln zu versorgen. Dies werde insbesondere über Beiträge, aber auch über Zölle, Anteile an Steuern oder Abgaben auf bestimmte Produkte dargestellt. In Zukunft plane die EU neue eigene Einnahmequellen, wie eine Plastikabgabe, eine Digitalsteuer und zusätzliche Zölle. Diese Aussichten habe S&P jüngst zum Anlass genommen, den Ratingausblick auf "AA" positiv zu ändern.

Ein ausstehendes Volumen von möglicherweise mehr als 900 Mrd. Euro (NGEU: bis zu 750 Mrd.; SURE: bis zu 100 Mrd.; EFSM/MFA/BoP: aktuell 52 Mrd.) werde die EU als Emittent in wenigen Jahren auf den fünften Rang hinter Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien katapultieren. Da die EU also in kurzer Zeit in den Kreis der Großemittenten aufsteige, sei zu erwarten, dass die Finanzierungstrategie nicht nur von den zu gewährenden Hilfsmaßnahmen bestimmt werde, sondern auch Marktverhältnisse sowie die Bedürfnisse der Investoren in die Platzierungsüberlegungen einbezogen würden. So seien die Bedienung aller Laufzeitenbänder und eine zunächst anhaltende Rollierung der Schulden zu erwarten. Zudem sollten 225 Mrd. Euro (rund 30% des Gesamtvolumens) in Form von Nachhaltigkeitsbonds begeben werden. (18.09.2020/alc/a/a)