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Notenbanken bleiben expansiv


01.12.20 10:30
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Früher als erhofft, gelang es verschiedenen Pharmafirmen Impfstoffe gegen COVID-19 zu entwickeln, die sich als sehr wirkungsvoll erwiesen haben, so die Experten von Swisscanto Invest.

Die Zulassungsbehörden in den USA und Europa dürften den Impfstoffen noch in diesem Jahr eine Freigabe erteilen. Damit werde die Pandemie mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt und das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben könne sich wieder normalisieren. Zwar würden die Indikatoren zur aktuellen Konjunkturlage in Europa und in den USA zunächst noch verhalten ausfallen, die konjunkturellen Aussichten für 2021 und 2022 würden sich indes aufgrund der erhofften Impfstoffwirkung deutlich besser präsentieren als zuvor.

Die Anleihenrenditen hätten ihren Tiefpunkt mittlerweile durchschritten. Orchestriert von den Notenbanken würden die Renditen - insbesondere über die längeren Laufzeiten - im Einklang mit einer besseren Konjunkturdynamik moderat ansteigen. Somit würden die Zinskurven über die nächsten zwölf Monate steiler. Die Notenbanken stünden jedoch Gewehr bei Fuß und würden bei stärkeren Renditebewegungen umgehend reagieren. Die 30-jährige US-Rendite sei seit dem Tiefpunkt Anfang März wieder auf 1,6 Prozent angestiegen. Bei einem stärkeren Renditeanstieg werde die US-Notenbank jedoch auch in einem größeren Umfang am Primärmarkt aktiv. So habe sie bei der letzten Neuemission von US-Staatsanleihen Mitte November rund 22 Prozent der 30-jährigen Tranche übernommen. In der Summe strebe die US-Notenbank mit den Käufen am Sekundärmarkt weiterhin ein Ankaufsvolumen von 80 Milliarden pro Monat bei US-Staatsanleihen an.

Solange die Inflationsraten deutlich unter den Notenbankzielen verharren würden, werde die expansive Geldpolitik fortgesetzt. Sowohl in den USA als auch in der Eurozone liege die realisierte Inflation noch deutlich unter der anvisierten 2%-Schwelle. Erst bei einem nachhaltigen Anstieg über diese Marke würden die Notenbanken eine weniger expansive Geldpolitik in Erwägung ziehen.

Die Aussicht darauf, dass mehrere Impfstoffe gegen das Coronavirus zur Verfügung stehen würden und diese schneller kämen als erhofft, habe den Optimismus in Bezug auf die globale Konjunktur deutlich steigen lassen. Auch die Experten von Swisscanto Invest hätten ihre Wachstumsprognosen für 2021 und 2022 angehoben. Das neue Szenario dürfte vor allem die zyklischen Sektoren, die die Experten von Swisscanto Invest bereits seit längerem als attraktiv erachten würden, weiter beflügeln. Daneben habe sich jetzt auch das Umfeld für die Finanzdienstleister verbessert. Denn das aufgehellte globale Konjunkturbild sollte erstens dazu führen, dass die Banken keine weiteren Rückstellungen für "Corona-bedingte" Zahlungsausfälle bilden müssten beziehungsweise diese sukzessive wieder auflösen könnten.

Zweitens würden die Experten von Swisscanto Invest mit einer dauerhaft expansiven Geldpolitik sowie steigenden Inflationserwartungen eine steilere Zinsstrukturkurve erwarten, die den Banken zu einer Erholung der Margen verhelfen sollte. Drittens dürfte die neue konjunkturelle Zuversicht generell zu einer anziehenden Kreditnachfrage führen. Und weil die Finanzdienstleister im Vergleich zum Gesamtmarkt sehr niedrig bewertet seien, sähen die Experten von Swisscanto Invest mindestens vorübergehend Potenzial für eine Aufholbewegung. Diese Neueinschätzung habe auch Auswirkungen auf die relative Attraktivität der Investment-Stile Value und Growth. In der Hoffnung auf eine breit ab gestützte wirtschaftliche Erholung und des damit verbundenen überdurchschnittlichen Kurspotenzials der Finanzdienstleister dürfte der Value-Stil, zu dem die Finanzdienstleister mehrheitlich gezählt würden, kurz- bis mittelfristig besser als Growth abschneiden. Der langfristige Trend spreche zwar weiterhin für Growth, aber mindestens eine Rückkehr zum Verhältnis der beiden Stilindices wie vor Ausbruch der Coronakrise würden die Experten von Swisscanto Invest als plausibel erachten.

Unsere geänderte Einschätzung der Sektor- und Stilfavoriten wirkt sich auch auf die relative Attraktivität der Regionen aus, so die Experten von Swisscanto Invest. So werde der Schweizer Aktienmarkt von den defensiven Sektoren Gesundheit und nichtzyklischem Konsum dominiert und stelle insofern einen sicheren Hafen im Aktienuniversum dar. Falls sich unser Szenario in den kommenden Monaten einstellt, dürften diese Sektoren und damit der Gesamtmarkt unterdurchschnittlich abschneiden, so die Experten von Swisscanto Invest.

Umgekehrt verhalte es sich in der Eurozone. Dort seien die Zykliker am stärksten gewichtet und die Finanzdienstleister prominent vertreten. Letztere hätten zuvor schon unter den Folgen der Finanz- und Schuldenkrise zu leiden gehabt. In der Coronakrise seien sie nochmals überdurchschnittlich abgestraft worden. Auch wenn die strukturellen Herausforderungen aus den ersten beiden Krisenherden weiterhin nachwirken würden, sollte zumindest das Ende der Coronakrise zu einer deutlichen Erholung führen. Damit wäre eine wichtige Voraussetzung für eine Outperformance der Eurozone gegenüber den anderen Regionen geschaffen, denn die Indexentwicklung der Währungsgemeinschaft sei seit der Finanzkrise eng mit derjenigen der Finanzdienstleister verknüpft.

Für die zukünftige Richtung des Goldpreises sei die Entwicklung des US-Dollar und der Realrenditen entscheidend. Diese wichtigen Indikatoren würden die Attraktivität von Goldinvestitionen maßgeblich bestimmen. Mit den Aussichten auf einen Impfstoff hätten sich die Konjunkturperspektiven verbessert. Die US-Leitwährung dürfte in einem solchen Umfeld zwar weniger gefragt sein, was positiv für Gold sei. Andererseits würden die Experten von Swisscanto Invest angesichts der sich beschleunigenden Konjunkturdynamik mit moderat anziehenden US-Realrenditen rechnen, was den Goldpreis belaste. Die Chancen auf einen Anstieg hätten sich deshalb eingetrübt, bestünden aber weiterhin.

Die Realrenditen würden über längere Zeit im negativen Bereich verharren, da die US-Notenbank ihre ultra-expansive Geldpolitik fortsetzen werde. Der große Richtungswechsel bei Gold sei erst zu erwarten, wenn die US-Notenbank ihre Kommunikation ändere und geringere Wertpapierkäufe ("Tapering") absehbar würden. So sei im Jahr 2013 die Ankündigung von einer Reduktion der Wertpapierkäufe mit einem starken Realrenditeanstieg einhergegangen und habe den Goldpreis erheblich belastet. An diesem Punkt sind wir jedoch noch lange nicht angelangt, so die Experten von Swisscanto Invest. (01.12.2020/alc/a/a)