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Moody's stuft Bonität der Türkei abermals herab


21.10.20 15:27
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Türkei sorgt weiterhin mit aggressiven außenpolitischen Initiativen für Schlagzeilen, so die Analysten der Raiffeisen Capital Management im aktuellen em-report.

Im Streit mit Griechenland und Zypern habe man zwar etwas versöhnlichere Töne angeschlagen, habe aber in der Sache keine Zugeständnisse signalisiert. Zusätzlich engagiere sich Ankara nun aber massiv im neu aufgeflammten, jahrzehntelangen Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. Aserbaidschan betrachte die mehrheitlich von Armeniern bewohnte und formell unabhängige Enklave als aserbaidschanisches Staatsgebiet und habe eine militärische Offensive zu ihrer Eroberung gestartet. Die Türkei unterstütze das Vorgehen Aserbaidschans politisch und durch umfangreiche Militärhilfe und habe inzwischen sogar mit eigenen Militäreinsätzen gegen Armenien gedroht - rund 100 Jahre, nachdem das osmanische Reich weit über einer Million Armenier ermordet habe. Präsident Erdogan wolle und könnte damit innenpolitisch punkten und zugleich den Anspruch der Türkei als regionale Großmacht untermauern. Beobachter würden mutmaßen, dass Ankara damit auch dem mit Armenien formal verbündeten Russland Probleme bereiten wolle, um Moskau in Syrien zu Zugeständnissen gegenüber der Türkei zu bewegen. Die Interessenlage in der Region sei allerdings wesentlich komplexer als die Formel "Aserbaidschan-Türkei versus Armenien-Russland" und ein militärischer Sieg scheine weder für Armenien noch Aserbaidschan in Sicht.

Wirtschaftlich bleibe die Lage für die Türkei prekär, speziell bei Währung und Auslandsschulden. Moody’s habe die Bonitätseinstufung der Türkei neuerlich herabgesetzt, auf B2 nach B1, und dabei den negativen Ausblick beibehalten. Begründet worden sei der Schritt mit der Zahlungsbilanzsituation und der starken Abhängigkeit der Türkei von Auslandskapital, der Unwilligkeit der türkischen Institutionen, diese Herausforderungen ernsthaft anzugehen und mit den schwinden fiskalischen Puffern. Die türkische Lira (TRY) habe allein seit Jahresbeginn rund 40% gegenüber dem Euro abgewertet. Allerdings habe sie damit schon viel an Negativem eingepreist und die Abwärtsbewegung könnte sich jetzt zumindest zeitweilig dem Ende zuneigen. Die türkische Notenbank habe im September überraschend die Leitzinsen um 2% angehoben (auf 10,25%) und bis Jahresende könnten weitere Zinsschritte folgen. Das könnte die Währung auch etwas stützen.

Der türkische Aktienmarkt habe sich im September gegen den globalen Trend etwas erholt und um fast 6% zugelegt, wobei die schwächere Lira die Hälfte dieses Kurszuwachses für ausländische Investoren wieder aufgefressen habe. (em-report Ausgabe Oktober 2020) (21.10.2020/alc/a/a)