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Lohndruck in den USA dürfte erhöht bleiben


26.11.21 12:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In der Eurozone haben sich laut den Schnellschätzungen der Einkaufsmanagerindices die Steigerung der Corona-Fallzahlen und das Hochfahren an Restriktionen in immer mehr Ländern noch nicht negativ auf die Wirtschaft niedergeschlagen, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Im Gegenteil, mit einem deutlichen Anstieg habe der Dienstleistungsbereich positiv überrascht. Diese Erhebungen sowie die anstehenden Sentiment Indikatoren (Wirtschaft, Industrie, Dienstleister) seien aber wohl schon "old news" und würden sich auf die Situation bis Mitte November beziehen. Angesichts der sich sehr schnell verändernden Lage, würden erst die Umfragen für Dezember Aufschluss geben, wie stark die Wirtschaftsabkühlung ausfalle. Unverändert "heiß" sollten die anstehenden Zahlen zur Teuerung ausfallen.

Für November würden die Analysten im Euroraum eine Inflationsrate von 4,4% im Jahresvergleich erwarten, was den Höhepunkt der Dynamik im Jahresvergleich darstellen dürfte. Der Anstieg der Energiepreise im Vergleich zum Vormonat habe sich im Oktober wohl verlangsamt, sei aber immer noch ausgeprägt gewesen und werde der Haupttreiber der Inflationsbeschleunigung sein. Da der Höhenflug der Energiepreise im Dezember 2020 eingesetzt habe, dürfte dieser Basiseffekt ab dem Folgemonat beginnen abzuklingen. Die Futures für Energiepreise würden volatil auf einem hohen Niveau handeln, lägen aber derzeit unter ihrem Höchststand von 2021. Dies deute darauf hin, dass die inflationssteigernde Wirkung der Energiepreise langsam nachlassen werde.

In den USA würden die kürzlich veröffentlichten Konjunkturindikatoren auf eine Belebung der Wachstumsdynamik im letzten Quartal 2021 hindeuten. Im Gegensatz zur Eurozone habe sich das BIP-Wachstum im dritten Quartal aufgrund einer Verlangsamung des privaten Konsums abgeschwächt (die COVID-Fälle seien in den USA im dritten Quartal stark angestiegen). Im Oktober habe der private Konsum jedoch erneut zulegen können (0,7% p.m.) und dürfte damit auch im vierten Quartal 2021 die Hauptantriebskraft des Wachstums darstellen. Interessanterweise sei es der Konsum von langlebigen Gütern gewesen, der im Oktober am deutlichsten habe zulegen können. Eine Normalisierung der Konsummuster zurück zu Dienstleistungen, was auch den Druck auf aktuelle Engpässe und dem damit verbundenen Preisdruck verringern würde, sei daher in den Daten noch nicht zu erkennen.

Einen genauen Blick auf Kapazitätsengpässe und Preisdruck werde man nächste Woche auch bei den ISM-Indices werfen. Beide Sektor-Indices (Verarbeitendes und Nicht-Verarbeitendes Gewerbe) würden sich seit einiger Zeit auf erhöhten Niveaus befinden (nahe 60 oder darüber). Insbesondere der ISM-Index für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe sei im Oktober von 61,9 auf 66,7 Punkte gestiegen, worauf eine gewisse Konsolidierung folgen könnte. Neben den ISM-Indices werde das Hauptaugenmerk auf dem Arbeitsmarktbericht für November liegen. Der Beschäftigungszuwachs sei im Oktober recht kräftig gewesen (private Beschäftigung ex Agrar +604K nach +365K im Sept), was nicht ausschließlich, aber in erheblichem Maße auf persönliche Dienstleistungen zurückzuführen gewesen sei (Aufholeffekt nach der Delta-Welle).

Diese Quelle des Beschäftigungswachstums dürfte im November schwächer ausfallen, könnte aber durch andere Sektoren kompensiert werden (z. B. durch eine Erholung im öffentlichen Sektor). Mittelfristig könnte das Beschäftigungswachstum jedoch durch die bislang begrenzte Erholung der Erwerbsbeteiligung gedämpft werden und auch in den USA würden Auf- und Abs der COVID Fälle wohl auch weiter zu Schwankungen am Arbeitsmarkt führen. Solange das Arbeitskräfteangebot ein begrenzender Faktor bleibe, dürfte auch der Lohndruck erhöht bleiben.

Der Wochenbeginn sei von Kontinuität geprägt gewesen, da Joe Biden die Wiederernennung von Jay Powell als FED-Vorsitzenden für weitere vier Jahre verlautbart habe. Seine Vorstandskollegin und engste Mitbewerberin Lael Brainard werde zur stellvertretenden Vorsitzenden befördert. Die zweite Amtszeit von Powell habe eher aufgrund von Regulierungsthemen als von geldpolitischen Überlegungen zur Disposition gestanden. Obwohl die erneute Nominierung für die Märkte keine große Überraschung gewesen sei, seien Treasury Renditen dennoch angestiegen. In Zeiten erhöhter Unsicherheit, insbesondere hinsichtlich des Inflationsausblicks, sollte Kontinuität in der FED eine gute Nachricht für die Märkte sein.

Weitere Neuigkeiten aus der FED habe das Protokoll zur November-Zinssitzung geliefert. Die Inflation habe im Mittelpunkt der Diskussion gestanden. Die Unsicherheit über den vorübergehenden Charakter der erhöhten Inflation habe zugenommen, so die FOMC-Mitglieder. Die überraschend hohe Inflation im Oktober, die erst nach der Sitzung veröffentlicht worden sei, dürfte die Unsicherheit weiter geschürt haben. Angesichts des erhöhten Inflationsdrucks hätten sich einige Teilnehmer für eine schnellere Reduzierung der Anleihekäufe ausgesprochen, um besser in der Lage zu sein, Anpassungen der Leitzinsen vorzunehmen.

Darüber hinaus sei eine Anpassung des Tapering-Tempos für den Fall, dass die Inflation weiterhin höher ausfalle, als es dem Ziel der FED entspreche, als Option ins Spiel gebracht worden. Dies spiegele den eher hawkishen Ton auf der FOMC-Sitzung Anfang November wider und deute darauf hin, dass eine Erhöhung des Tapering auf der nächsten Sitzung Mitte Dezember nicht ausgeschlossen werden könne, insbesondere dann, wenn die zuvor veröffentlichten Inflationsdaten vom November keine Verringerung des Preisdrucks gegenüber dem Vormonat zeigen würden. In diesem Umfeld sei es unwahrscheinlich, dass sich der eher aggressive Zinserhöhungspfad, der in den letzten Wochen deutlich vorverschoben worden sei, rasch ändere.

Auch das Sitzungsprotokoll der EZB habe interessante Informationen enthalten. Zum ersten seien sich die Ratsmitglieder einig gewesen, dass auf Grundlage der erwarteten Entwicklungen das Anleihekaufprogramm PEPP im März 2022 ein Ende finden werde. Allerdings könnte gegeben der hohen Unsicherheiten eine Festlegung im Dezember zu früh sein und die wünschenswerte Flexibilität beschränken. Tatsächlich hätten seit dem Meeting Ende Oktober die Belastungen der Corona-Pandemie wieder zugenommen und den unmittelbaren Wirtschaftsausblick eingetrübt. Die Analysten würden es daher als nicht unwahrscheinlich erachten, dass die EZB auf der Dezember Sitzung noch kein Ende des PEPP per März beschließe, sondern die Entscheidung vertage. (26.11.2021/alc/a/a)