Erweiterte Funktionen

Inflation? Welche Inflation?


01.03.21 12:15
Spectrum Markets

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Mit einer gewissen Regelmäßigkeit gerät das Thema Inflation immer wieder in den Blickpunkt und schafft zugleich Spielraum für angeheizte Debatten, so Tobias Stöhr, Börsenexperte bei Spectrum Markets.

Insbesondere in Deutschland sei das so und das sei auch verständlich - nicht unbedingt aufgrund eines historischen Traumas, sondern weil Deutschland zu den Ländern Europas mit einer hohen Sparquote gehöre.

Spätestens, seit die Teuerungsrate in der Eurozone zu Jahresbeginn von minus 0,3 Prozent im Dezember auf 0,2 Prozent gestiegen sei und sich im Januar im Jahresvergleich ein Plus von 0,9 Prozent ergebe, sei das Thema Inflation wieder in aller Munde.

Dass hierfür ganz wesentlich der gestiegene Ölpreis verantwortlich sei, werde allenthalben zumindest nicht besonders gewürdigt. Zur Erinnerung: Infolge der Ausbreitung von Covid-19 sowie eines Preiskampfes der Förderländer Russland und Saudi-Arabien sei der Ölpreis auf 37 US-Dollar gefallen - unter null! Ein negativer Ölpreis sei bis dahin beispiellos gewesen. Drastische Fördermengenreduzierungen sowie die Hoffnung auf ein Anziehen der globalen Wirtschaft hätten ihre Wirkungen nicht verfehlt, der Ölpreis habe sich zu Beginn des Jahres 2021 auf Stände oberhalb des Vorkrisen-Niveaus erholt. Trotz der geringen Gewichtung im Eurostat-Warenkorb mit einem Anteil von nur rund einem Zehntel würden die Energiepreise wegen der absoluten Schwankungsbreite schwer wiegen. Annahmen bezüglich dauerhafter Inflations- oder Deflationstendenzen müssten das immer berücksichtigen.

Zwischen der Gegenwart und dem Frühjahr 2020 lägen allerdings auch schwere Monate für die Wirtschaft sowie die Ankündigung Billionen schwerer Rettungs- und Konjunkturpakete dies- und jenseits des Atlantiks. Daraus würden sich einerseits die Erwartung, dass die Konjunktur mit den Lockerungen bei den Lockdowns deutlich anziehe, sowie die Angst ergeben, dass das viele Geld der Regierungen und Notenbanken zwangsläufig zu Inflation führen müsse. Die Europäische Zentralbank, die einen langfristigen Inflationsmittelwert von rund zwei Prozent anstrebe und seit Jahren eher gegen deflationäre Entwicklungen kämpfe, würde dies wohl auch begrüßen. Dennoch scheine die Erwartung an eine deutliche und nachhaltige Inflation überhöht.

Das liege vor allem an den kompensatorischen Effekten. Ein Blick auf die Liquiditätskrise von 2008/2009 und die darauf folgende Staatsschuldenkrise bzw. die damit einhergehenden Rettungsaktionen und deren Einfluss auf die Inflation würde bereits genügen. Denn ein Anstieg der Geldmenge allein sei nicht gleich bedeutend mit Inflation, hierzu wäre es notwendig, dass das zusätzlich geschöpfte Zentralbankgeld nachfragewirksam werde. Wenn die Geschäftsbanken aber keine Kredite an die Privatwirtschaft ausreichen würden, etwa weil diese nicht nachgefragt würden oder die Risikoaversion zu hoch sei, würden die Preise unverändert bleiben. Wenn auch der private Konsum durch billig bereitgestelltes Geld nicht anspringe, weil die Menschen in der Krise zu höheren Sparquoten neigen würden - im vergangenen Jahr sei dies sogar in der sonst eher konsumgetriebenen Wirtschaft der USA zu beobachten gewesen -, bleibe Inflation ebenso aus.

Ein weiterer Teil der Konsumausgaben habe sich schlicht verlagert, hin zu Onlineshopping und weiteren digitalen Dienstleistungen. Hinzu komme, dass veränderte globale Wertschöpfungsketten eine völlig neue Dynamik entwickelt hätten, die einen echten Nachfrageüberhang bei gleichzeitiger Güterknappheit nicht mehr so einfach entstehen lassen würden.

Unabhängig davon, wie man jeweilige geldpolitische Maßnahmen beurteile - die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes nehme zwangsläufig ab, wenn die Geldmenge steige, sich die Gesamtwirtschaftsleistung aber nicht verändere. Das bedeute, dass selbst die Tatsache, dass globale Transportunternehmen derzeit über bevorstehende Kapazitätsengpässe klagen würden, kaum dazu führen werde, dass die Menschen mit den einsetzenden Lockerungen auch langfristig überproportional konsumieren würden oder dass Investitions- und Produktionstätigkeiten nun überall dort massiv und dauerhaft ansteigen würden, wo sie vor der Krise heruntergefahren worden seien.

Die letztlich relevante Bereitschaft der Menschen, zurückgehaltenes oder hinzugewonnenes Geld auszugeben, werde sich zwangsläufig durch die irgendwann beginnende Urlaubssaison sowie weitere Aktivitäten im den Bereichen Freizeit, Sport, Kultur, etc. erhöhen. Jedoch sei die Wahrscheinlichkeit doch recht hoch, dass dies Einmaleffekte mit begrenztem Ausschlag auf die Inflation bleiben würden. (01.03.2021/alc/a/a)