Indien: RBI hebt zum ersten Mal seit 2014 den Leitzins an


13.06.18 13:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das geldpolitische Komitee der Reserve Bank of India hat erstmals seit Januar 2014 den Leitzins angehoben, so die Analysten der DekaBank.

Der Reposatz sei um 25 BP auf 6,25% gestiegen. Der Schritt sei von der Mehrheit der Analysten erst für den August erwartet worden, doch eine echte Überraschung sei auch dieser frühere Zeitpunkt nicht gewesen. Für höhere Zinsen würden sowohl die Konjunktur- als auch die Preisentwicklung sprechen: Das BIP habe im ersten Quartal um 7,7% yoy zugelegt, nach 7,0% im Vorquartal. Getrieben worden sei das Wachstum vor allem von den Investitionen (+14,4%), doch auch der private Konsum habe sich mit 6,7% yoy etwas besser als zuvor entwickelt.

Die Wirtschaft erhole sich von den Belastungen durch die Bargeld- und Mehrwertsteuerreform. Allerdings hätten sich die Einkaufsmanagerindices auf eher niedrigem Niveau konsolidiert und würden keine wesentliche Beschleunigung der Wachstumsdynamik im zweiten Quartal andeuten. Höhere Zinsen, der Ölpreisanstieg seit Jahresbeginn und die Verunsicherung über die internationale Handelspolitik würden nicht dafür sprechen, dass sich die Wachstumsraten im laufenden Jahr über 8% hinaus bewegen würden (DekaBank-Prognose: 7,5%).

Angesichts dieses eher gemischten Konjunkturausblicks sei es ganz sicher nicht die Sorge vor einem Überhitzen der Wirtschaft gewesen, die die Währungshüter zu der Zinserhöhung veranlasst habe. Dies komme auch darin zum Ausdruck, dass die RBI weiterhin einen neutralen geldpolitischen Kurs steuere. Die Zinsanhebung sei eher ein Versicherungsschritt gegen einen weiteren Anstieg von Inflation und Inflationserwartungen gewesen.

Insbesondere die Entwicklung der Kerninflation sei in der Stellungnahme zum Zinsentscheid hervorgehoben worden. Diese sei im April von 5,3% auf 6,1% gestiegen. Gleichzeitig habe der erhöhte Ölpreis auch die Gesamtinflationsrate weiter auf 4,6% getrieben. Im Mai sei die Inflationsrate weiter auf 4,9% geklettert. Es sei der Notenbank wichtig gewesen, keine Erwartungen eines ausgedehnten Zinsanhebungszyklus zu schüren. Mehr als ein weiterer Zinsschritt in diesem Jahr erscheine unwahrscheinlich. Und selbst dies sei abhängig von der Datenentwicklung in den kommenden Monaten. Die Erwartung, dass sowohl die Inflations- als auch die Konjunkturzahlen zunächst noch auf erhöhtem Niveau bleiben würden, doch im weiteren Jahresverlauf wieder nach unten tendieren würden, spreche für eine weitere Zinsanhebung im August, gefolgt von einer Phase unveränderter Zinsen.

Indien dürfte auf absehbare Zeit die wachstumsstärkste aller großen Volkswirtschaften sein. Dies ändere jedoch nichts an den grundlegenden Problemen des Landes. So gebe es große Mängel in der Infrastruktur, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Die Regierung zeige sich wirtschaftsfreundlich, doch die Investitionsschwäche halte an. Ein wichtiger Pluspunkt sei die Glaubwürdigkeit, die die Zentralbank in den vergangenen Jahren gewonnen habe, da hierdurch die Inflationsbekämpfung erleichtert werde. Der gegenwärtige politische Kurs spreche dafür, dass religiöse Spannungen in den kommenden Jahren zunehmen würden.

S&P und Fitch würden indische Fremdwährungsverbindlichkeiten mit Baa3/BBB- im untersten Bereich des Investment Grade einstufen. Moody’s habe das Rating am 11. November um eine Stufe auf Baa2 heraufgestuft und damit den stabilitätsorientierten geld- und fiskalpolitischen Kurs sowie die strukturellen Reformen der vergangenen Jahre gewürdigt. S&P und Fitch könnten dem Beispiel von Moody’s in den kommenden Jahren folgen, da auch die Leistungsbilanz, die noch vor wenigen Jahren ein hohes Defizit aufgewiesen habe, mittlerweile weitgehend ausgeglichen sei. Das Verhältnis zum Nachbarn Pakistan bleibe angespannt. Im Kaschmir-Konflikt komme es immer wieder zu Anschlägen und Vergeltungsmaßnahmen durch indisches Militär. Innenpolitisch sei eine Stärkung extremer hinduistischer Strömungen zu beobachten, wodurch das Risiko von Unruhen wachse. (Ausgabe vom 12.06.2018) (13.06.2018/alc/a/a)