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Geldpolitisches Experiment der Zentralbanken ist keineswegs vorüber


17.10.17 11:15
Danske Invest

Kopenhagen (www.anleihencheck.de) - Seit der Finanzkrise haben die Zentralbanken Billionen von Dollar in die entwickelten Volkswirtschaften gepumpt. Jetzt aber scheinen die Patienten endlich auf eigenen Füßen zu stehen, und die Weltwirtschaft benötigt keine Beatmungsmaschine mehr. Vor diesem Hintergrund ist Tine Choi, Chefstrategin der Danske Bank, zu europäischen und US-amerikanischen Aktien positiv gestimmt.

Nach einer langen und instabilen Phase im Nachgang der Finanzkrise habe die Weltwirtschaft endlich wieder festen Boden gewonnen. Das globale Wachstum habe sich seit Anfang 2016 beschleunigt und im ersten Halbjahr 2017 beeindruckende 3,4 Prozent erreicht. Damit seien die langfristigen Erwartungen um fast einen kompletten Prozentpunkt übertroffen worden. An den Arbeitsmärkten gehe es aufwärts, der private Konsum sei robust und die Unternehmensinvestitionen würden steigen. Kurz gesagt: Wir befinden uns jetzt in einer Phase der Erholung, in der das Wachstum auf eigenen Füßen zu stehen scheint und nicht länger von der Beatmungsmaschine der Zentralbanken abhängig ist, so die Experten von Danske Invest.

Deshalb gehen die Experten von Danske Invest davon aus, dass der globale Aufschwung bis in 2018 andauern wird, wenn auch mit einer geringeren Dynamik als dieses Jahr. Ein globaler Aufschwung in Kombination mit einer niedrigen Inflation bedeute, dass sich die Wirtschaft in einem so genannten "Goldlöckchen-Szenario" befinde - ein für Anleger ideales Umfeld.

Robuste Unternehmensgewinne und ein freundliches gesamtwirtschaftliches Klima würden die relative Attraktivität von Aktien gegenüber Anleihen erhöhen. Daher haben die Experten von Danske Invest Aktien um 10 Prozent übergewichtet und Anleihen im gleichen Umfang untergewichtet. Die Experten würden erwarten, dass globale Aktien in den nächsten zwölf Monaten in Lokalwährung eine Rendite von 8 bis 12 Prozent erzielen würden. Natürlich könnten Wechselkursschwankungen das Ergebnis in unterschiedlichen europäischen Währungen beeinträchtigen.

Der Weg bis zu diesem Punkt sei allerdings beschwerlich und manchmal nervenaufreibend gewesen. Die Weltwirtschaft habe fast acht Jahre der Erholung benötigt, bis das Wachstum ein Selbstläufer geworden sei. Acht Jahre mit großer Unsicherheit und der fortwährenden Befürchtung, dass das Wachstum in die falsche Richtung kippen könnte. Und acht Jahre, in denen die Weltwirtschaft am Tropf gehangen habe und von massiven geldpolitischen Stimulus-Paketen unterstützt worden sei, die nach der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise von den großen Zentralbanken geschnürt worden seien. Aber glücklicherweise könne man jetzt den Schluss ziehen, dass diese Rechnung aufgegangen sei.

Die Finanzkrise habe die Politiker schachmatt gesetzt, denn die sehr umfangreichen Rettungspakete hätten enorme Haushaltsdefizite und steigende Staatsschulden zur Folge gehabt. Nachdem der Sturm überstanden gewesen sei, habe es nur geringen fiskalischen Spielraum für Steuersenkungen oder Infrastrukturinvestitionen gegeben. Also hätten die Zentralbanken den Auftrag bekommen, die Beschleunigung der Wirtschaft zu unterstützen.

Das Rennen in Richtung Null sei in Mode gekommen. Die Zentralbanken hätten die Leitzinsen gesenkt, um billiges Geld bereitzustellen und Verbraucher und Unternehmen dazu zu ermutigen, mehr Kredite aufzunehmen und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Obwohl das ein klassisches geldpolitisches Manöver gewesen sei, sei der Effekt nur minimal geblieben. Deshalb hätten einige der weltgrößten Notenbanken fiskalisches Neuland betreten und das größte geldpolitische Experiment in der Geschichte gestartet.

Das Ziel sei Reflation gewesen, oder in anderen Worten: Die Ankurbelung einer dem Untergang geweihten Wirtschaft. Die Mittel der Wahl waren (und sind) negative Zinsen und massive Ankäufe von Wertpapieren durch die Notenbanken, die die entwickelten Volkswirtschaften mit Geld fluteten, um Wachstum und Inflation anzuheizen, so die Experten von Danske Invest. Quantitative Lockerung ("Quantitative Easing", QE) sei plötzlich in aller Munde gewesen.

Die angewandte Geldpolitik des QE habe weitreichende Folgen gehabt. Die niedrigen Zinsen und Renditen hätten die relative Attraktivität von Risikoanlagen wie Aktien gegenüber niedrig rentierlichen Staatsanleihen gesteigert. Insofern hätten die Zentralbanken dazu beigetragen, Anleger in Aktien zu drängen, da steigende Aktienkurse für Kapitalzuwächse gesorgt hätten. Dies wiederum habe optimistischere Zukunftsaussichten begünstigt, was die Bereitschaft der Konsumenten, Geld auszugeben, zusätzlich stimuliert habe.

Und nun, acht Jahre später, genießen wir die echten ökonomischen Vorteile in Form einer sich selbsttragenden Wirtschaft - wenn auch mit dem Vorbehalt, dass das geldpolitische Experiment der Zentralbanken noch keineswegs vorüber ist, so die Experten von Danske Invest. Auf eine quantitative Lockerung folge die quantitative Straffung, die eines der großen Themen in diesem Herbst sein werde.

Nichtsdestotrotz sei die Operation gut verlaufen, der Patient habe sein Krankenbett verlassen und jetzt sei es an der Zeit zu sehen, ob er ohne Krücken gehen könne. Angeführt von der US-amerikanischen Federal Reserve (FED) und der Europäischen Zentralbank hätten die Notenbanken im Laufe des Jahres 2017 zunehmend davor gewarnt, dass sich der Zeitpunkt für eine Drosselung der massiven Stimulus-Pakete und die Reduzierung ihrer enormen Wertpapierbestände nähere.

Die große Frage sei nun, wie die Finanzmärkte auf die quantitative Straffung der Zentralbanken reagieren würden. Die Experten von Danske Invest sehen vor allem zwei Herausforderungen: Erstens müssen andere Nachfrager einspringen und das Steuer von den Zentralbanken übernehmen. Denn ohne andere Käufer würden die Anleihenkurse fallen und die Renditen steigen, es sei denn, das Angebot an Anleihen gehe zur gleichen Zeit zurück. Für Letzteres sei die Wahrscheinlichkeit aber gering, da die meisten entwickelten Volkswirtschaften ein Defizit hätten und sich Geld zu Finanzierungszwecken leihen müssten. Zweitens werde die Liquidität abnehmen. Das Geld, das die FED nicht wieder anlege, werde aus dem Wirtschaftskreislaufverschwinden, was tendenziell die Fähigkeit der Banken zur Kreditvergabe begrenzen dürfte.

Abgesehen von diesen beiden Herausforderungen gehen die Experten von Danske Invest davon aus, dass die anstehende Straffung behutsam, erwartungsgemäß und gut angekündigt verlaufen wird. Von daher würden sie keine dramatischen Auswirkungen auf die Zinsen oder die Wirtschaft erwarten. Diese Entwicklung bleibe spannend, ändere aber nichts an der grundlegenden Ansicht der Experten, dass die Weltwirtschaft auf gutem Kurs sei und weiterhin passable Renditen an den Finanzmärkten gewährleisten werde. (17.10.2017/alc/a/a)