EZB stellt Weichen für restriktiveren Pfad - FED erhöht die Leitzinsen erneut


15.06.18 12:40
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Der größte Schock nach den Wahlen und den Regierungsverhandlungen in Italien ist von den Anlegern vorerst verdaut worden, so Johannes Flieckenschildt von der Weberbank.

Die Regierung aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung stehe. Zudem habe der neue italienische Finanzminister Giovanni Tria die Finanzmärkte beruhigt, indem er versichert habe, dass ein Austritt aus der Eurozone nicht zur Debatte stehe. Es bleibe jedoch eine Restunsicherheit hinsichtlich der von der neuen Regierung in den kommenden Monaten vorgestellten Pläne zur Haushalts- und Europapolitik. Die größte Gefahr bestehe darin, dass sich das Urteil der Investoren über Italiens Staatsfinanzen deutlich verschlechtere und im Zuge dessen zunehmend die Fähigkeit der europäischen Institutionen, die Wirtschaft der Eurozone zu stützen, infrage gestellt werde.

Insofern habe der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi letzten Donnerstag die Pressekonferenz zu den Ergebnissen der EZB-Ratssitzung in einer schwierigen Gemengelage gegeben. Neben den mit Spannung erwarteten Kommentaren zur Situation in Italien habe maßgeblich die Frage im Zentrum gestanden, wie lange die EZB noch plane, Anleihen von europäischen Staaten und Unternehmen zu kaufen. Beides, die Italien-Situation und die Anleihekäufe, stünden in engem Zusammenhang, drücke doch ein Ende der Anleihekäufe Vertrauen der EZB in die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone aus. Und die EZB habe geliefert. Sogar einen konkreten Termin. Im Dezember dieses Jahres würden die Anleihekäufe beendet. Damit könnte Renteninvestoren in Europa auf Sicht der kommenden Jahre ein schwieriges Umfeld von tendenziell steigenden Renditen ins Haus stehen.

Dieser Prozess der Normalisierung der Geldpolitik, wie er in der Eurozone gerade stattfinde, sei in den USA schon vor einigen Jahren gestartet worden. Schon 2013 habe der damalige US-Notenbank-Vorsitzende Ben Bernanke angekündigt, die Anleihekäufe zu reduzieren. Heute reduziere die FED bereits ihre Bilanz und habe die Leitzinsen sukzessive von 0,25 Prozent im Jahr 2015 auf nunmehr 2 Prozent angehoben. Die jüngste Anhebung am vergangenen Mittwoch war bereits die Zweite in diesem Jahr, und die Analysten der Weberbank gehen davon aus, dass zwei weitere Anhebungen um 0,25 Prozentpunkte im Verlauf des Jahres folgen werden. Das alles sei möglich und notwendig, weil sich die Verbraucherpreise in den USA mit einer relativ hohen Jahresveränderungsrate von 2,8 Prozent zeigen würden und sich der US-Arbeitsmarkt in Richtung Vollbeschäftigung bewege.

Neben der guten wirtschaftlichen Entwicklung habe in den vergangen zwei Wochen vor allem US-Präsident Trump für Schlagzeilen gesorgt. Am vergangenen Wochenende habe er seine Handelspartner auflaufen lassen, als er über den Kurznachrichtendienst Twitter überraschenderweise seine Unterhändler angehalten habe, die Abschlusserklärung des G7-Gipfels, die sich gegen Protektionismus ausspreche, nicht zu unterzeichnen. Für den globalen Handel ein Rückschlag, der sich aber in eine Reihe von schlechten Nachrichten aus den letzten Monaten einreihe, sodass die Finanzmärkte abgebrüht reagiert hätten.

Schließlich habe Trump in dieser Woche auch einen historischen Erfolg feiern können. Das mit Spannung erwartete Treffen zwischen dem US-Präsidenten und dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-Un in Singapur habe zu einer Vereinbarung zur nuklearen Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel geführt. Sicherlich sei die Umsetzung noch mit Unsicherheit behaftet, jedoch sei es ein wichtiger Schritt zur Entspannung in der Region gewesen.

Die Aktienmärkte würden sich in diesem Jahr deutlich schwankungsreicher zeigen als im vergangenen Jahr. Dass der oben beschriebene Rückgang der geldpolitischen Unterstützung der Zentralbanken dabei auch eine Rolle spiele, sei dabei nicht von der Hand zu weisen. Dass sich der US-Aktienmarkt aber trotz höherer Leitzinsen in den Jahren zuvor so positiv entwickelt habe, hänge auch damit zusammen, dass das Vorgehen der FED behutsam gewesen sei und gut an die Finanzmärkte kommuniziert worden sei. Es bleibe zu hoffen, dass dies der EZB auch gelinge. Für die Zukunft sei aber zu erwarten, dass es infolge des global abnehmenden geldpolitischen Stimulus immer wieder zu Stress an den Aktienmärkten komme. Insbesondere kapitalintensiven Unternehmen, die im deutschen Leitindex DAX stark vertreten seien und in den vergangenen Jahren von den günstigen Finanzierungskosten profitiert hätten, könnten jetzt schwierigere Zeiten bevorstehen. Auf der anderen Seite gebe es aber auch Profiteure von höheren Zinsen, wie beispielsweise Finanztitel, die bei höheren Zinsen tendenziell im Kurs steigen würden. (15.06.2018/alc/a/a)