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EZB hat es auf einmal eilig


27.05.22 12:41
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Spielte die EZB lange auf Zeit, so will sie nun schnellstmöglich die Zinswende, so Ulf Krauss von der Helaba.

An den Kapitalmärkten sei dies bereits großzügig eingepreist. Die Unsicherheit bleibe gleichwohl hoch.

Die Verhandlungen um den Zinserhöhungsfahrplan scheinen weitgehend abgeschlossen zu sein, so die Analysten der Helaba. Nun seien erste Ergebnisse in die Öffentlichkeit getragen worden. EZB-Chefin Christine Lagarde habe zu erkennen gegeben, dass die EZB sehr wahrscheinlich im Juli die Zinswende vollziehe. In der Sitzung am 9. Juni dürften höhere EZB-Inflationsprojektionen das Ende des Kaufprogramms einläuten und das Tor für eine Anhebung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte aufstoßen. Die Tauben im EZB-Rat würden sich, mit dem Hinweis auf das kritische Umfeld, dabei wohl gegen einen größeren Zinsschritt stemmen. Die Falken im EZB-Rat hätten sich hingegen wohl in der Frage um einen möglichst schnellen Ausstieg aus den Negativzins durchgesetzt.

Im September dürfte bereits die nächste Zinsrunde erfolgen und den Einlagensatz auf 0,0% und den Hauptrefinanzierungssatz auf 0,25% befördern. Durch diesen Doppelschlag bestehe im vierten Quartal noch Spieleraum für eine weitere Anhebung. Damit würde die EZB einen Zinsschritt mehr vornehmen, als die Analysten der Helaba bislang unterstellt hätten. Für das erste Halbjahr 2023 seien - auch infolge höher ausfallender Inflationsraten als bislang erwartet - nunmehr zwei Zinsanhebungen um jeweils 25 Basispunkte unterstellt. Im zweiten Halbjahr werde die EZB vermutlich eine Pause einlegen und die Wirkung der Zinsanhebungen abwarten.

Das Protokoll der letzten Sitzung des EZB-Rats habe noch sehr beschwichtigend geklungen: "Im Hinblick auf die längerfristigen Inflationsaussichten, die sowohl in den marktbasierten Indikatoren als auch im Basisszenario der von Fachleuten der EZB erstellten Projektionen vom März zum Ausdruck kämen, erscheine ein Übergang der geldpolitischen Kommunikation von einer schrittweisen Normalisierung zu einer aggressiveren und beschleunigten Straffung nicht gerechtfertigt." Nun könne man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im EZB-Rat die Nerven blank lägen. Ins Bild passe, dass EZB-Chefvolkswirt Philip Lane offenbar an Reputation und Einfluss verloren habe. Für zusätzliche Nervosität könnten zudem der angekündigte akzentuierte Kurs der US-Notenbank sowie die damit verbundenen Ängste vor einem Absturz des Euro-Außenwerts gesorgt haben.

Es gehe also schneller raus aus der extremen geldpolitischen Ecke als bislang kommuniziert. Wobei immer noch die Frage offen sei, wie weit die EZB letztlich die Leitzinsen nach oben ziehen werde. Die Vorstellungen darüber würden im EZB-Rat vermutlich weit auseinander gehen. Viel dürfte zudem davon abhängen, wie sich der konjunkturelle Ausblick entwickele und wie die Kapitalmärkte auf den globalen geldpolitischen Schwenk reagieren würden. Auch hierzu ein Zitat aus dem letzten Protokoll: "Zudem wurde angemerkt, dass sich ein zu proaktives Vor-gehen bei der Normalisierung des Kurses als kostspielig erweisen könne, falls es zu Finanzmarktturbulenzen führe oder zu einem späteren Zeitpunkt wieder rückgängig gemacht werden müsse". (27.05.2022/alc/a/a)