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EZB: Angespannte Ruhe


20.07.18 12:46
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Richtungsweisende Entscheidungen sind vom EZB-Rat diesmal nicht zu erwarten, auch wenn der formale Beschluss über das Ende des Kaufprogramms noch offen ist, so die Analysten der Helaba.

Intern werde vermutlich über den angemessenen (verbalen) geldpolitischen Kurs gerungen. Die Anleger dürften in der Pressekonferenz von Mario Draghi daher besonders auf die Zwischentöne achten.

Die Entscheidungen der Juni-Sitzung des EZB-Rats hätten die Kapitalmarktzinsen in Deutschland auf Talfahrt geschickt. Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen sei um rund 20 Basispunkte auf zeitweise weniger als 0,3% abgesackt und sei damit wieder in die Nähe alter Krisenniveaus gesunken. Was sei geschehen? Zwar hätten auch Konjunktursorgen im Zusammenhang mit der Angst vor einem Handelskrieg eine Rolle gespielt. Entscheidend dürfte jedoch gewesen sein, dass die EZB die angepeilte Zinswende weit ins zweite Halbjahr 2019 verschoben habe, was zu einer spürbaren Veränderung der Zinserwartungen der Anleger geführt habe. Damit einhergegangen sei eine Verflachung der Zinskurve.

Beim anstehenden Treffen des EZB-Rats dürfte vor allem der schwelende Handelskonflikt ein Thema sein, denn Schlimmstenfalls gerate die EZB dadurch in ein Dilemma: Protektionistische Maßnahmen könnten den Inflationsraten in den Industrieländern einen unerwarteten Schub verpassen. Da sich die Euro-Teuerung bereits bei 2% befinde, würde die Legitimation für die extrem expansive Geldpolitik wegfallen. In der Vergangenheit sei es für die EZB relativ einfach gewesen, andere Ziele mit dem Mandat zur Preisniveaustabilität zu verknüpfen. Nunmehr sei ihre Handlungsfähigkeit eingeschränkt.

Gleichzeitig steige das Rezessionsrisiko. Ohnehin besitze die EZB nicht mehr viel Pulver. Das Zinsinstrument sei ebenso wie das Mittel Anleihekäufe weitgehend ausgereizt. Momentan hätte sie noch die Option, bei der Wiederanlage fälliger Anleihen stärker in länger laufende Papiere zu investieren, um die Finanzierungsbedingungen nochmals günstiger zu gestalten. Allerdings hätte dies Nachteile: Die damit verbundene weitere Abflachung der Zinskurve würde als Krisensignal empfunden und die Nervosität der Anleger erhöhen. Die sinkenden Renditen würden zudem den Anlagenotstand verstärken. Dieses Szenario könnte außerdem die Banken im Euroraum in eine schwierige Lage bringen.

In der aktuellen Situation könne die EZB nicht viel mehr machen als den zuletzt eingeschlagenen Kurs zu halten. Vielleicht gebe es klarere Aussagen zum frühesten Zeitpunkt einer Anhebung des negativen Einlagensatzes. Zuletzt habe es immer wieder Spekulationen darüber gegeben, ob nun der Sommer 2019 oder erst der Herbst 2019 gemeint gewesen sei - zumal es darüber offenbar unterschiedliche Meinungen bei EZB-Mitgliedern gebe. Ohnehin sei fraglich, ob sich die EZB mit dieser Form der Kommunikation einen Gefallen getan habe. Vielleicht wäre es besser, zumindest den Zeitraum, über den ein geldpolitischer Ausblick gegeben werde, zu reduzieren. (20.07.2018/alc/a/a)