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China stellt die Weichen, die EZB am Zug


20.10.17 16:56
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Nach dem Brexit und der Trump-Wahl 2016 ging das Jahr 2017 aus politischer Sicht ähnlich spannend weiter: Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und in Deutschland, berichten die Analysten der Weberbank.

Doch wer glaube, damit sei der politische Kalender für dieses Jahr abgehakt, habe weit gefehlt. Es lohne sich der Blick nach Fernost. In China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, finde in diesen Tagen der Parteikongress der Kommunistischen Partei statt, dessen Vorsitzender Xi Jinping der Präsident des Landes sei. Die entscheidenden Fragen bei diesem alle fünf Jahre stattfindenden Großereignis seien die nach künftigen Reformen der Wirtschaft und dem neuen Personal an der Parteispitze. Letztere sei mittelbar auch die Frage danach, wie gestärkt Präsident Xi hervorgehe. Denn traditionell biete der Parteitag nach der ersten Amtszeit des Präsidenten die Möglichkeit zur Stärkung der eigenen Machtbasis durch Besetzung wichtiger Posten mit treuen Gefolgsleuten. Xi werde diese Stärke benötigen. Denn das Land habe Reformen dringend nötig, beispielsweise um das Problem der hohen Unternehmensverschuldung zu bewältigen.

Ein anderes Problem sei die Blase am dortigen Immobilienmarkt. Zumindest der Zeitpunkt, um diese Themen anzugehen, sei aktuell günstig. Die Weltwirtschaft befinde sich in einem synchronisierten Aufschwung, von dem gerade auch China als Exportnation stark profitiere. Trotzdem sollte mit Blick in die Zukunft und auf die erwartete Eindämmung der Verschuldung eine moderate Verlangsamung der chinesischen Wirtschaftswachstumsdynamik nicht verwundern. Unter der Annahme eines anhaltenden globalen Aufschwungs und einer vorsichtigen Herangehensweise sollte dies aber nicht zu einem Schock, ähnlich wie Anfang 2016, auf den internationalen Kapitalmärkten führen. Somit sei der Parteitag eher ein Thema, das die Märkte und Investoren hauptsächlich in der langen Frist beeinflussen werde.

Was die Märkte dagegen auch kurzfristig beeinflussen werde, seien die aktuellen Entwicklungen seitens der Notenbanken. Die amerikanische Notenbank FED starte ab diesem Monat als erste der großen Zentralbanken mit der Reduzierung ihrer Bilanz. Das reihe sich, zusammen mit den Zinserhöhungen der letzten Monate, in die Bestrebungen der FED ein, ihren expansiven Kurs zu beenden. So weit sei die EZB noch nicht. Auf der kommenden Sitzung am 26. Oktober werde von Beobachtern zunächst erwartet, dass die EZB ihre Anleihekäufe graduell zurückfahre, also ihre Bilanz langsamer anwachsen lasse. Bevor diese Anleihekäufe aber nicht komplett gestoppt seien, würden die Analysten auch nicht davon ausgehen, dass die EZB ihren Leitzins von ihrem historisch niedrigen Niveau anhebe. Dies werde sie nach Einschätzung der Analysten frühestens in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres vollziehen.

Wann sie, wie derzeit die FED, tatsächlich ihre Bilanz reduziere, stehe dagegen noch gar nicht zur Debatte. Somit bleibe die Geldpolitik in der Eurozone nach wie vor expansiv, und es könne dementsprechend noch nicht von einer "Zinswende" gesprochen werden. Mit Blick auf die FED sei neben der Bilanzreduzierung ein weiteres Thema von hoher Relevanz: Die Besetzung des Vorsitzes. Die Amtszeit der bisherigen FED-Vorsitzenden Janet Yellen ende Anfang nächsten Jahres. Potenzielle Nachfolger würden derzeit vom US-Präsidenten unter die Lupe genommen. Mit einer Entscheidung werde in den kommenden Wochen gerechnet. Wie die Märkte auf den neuen FED-Präsidenten (oder die neue Präsidentin) reagieren würden, hänge maßgeblich davon ab, ob es eine "Taube" oder ein "Falke" werde. Oder anders ausgedrückt: Ob derjenige eher für eine expansive (Taube) oder restriktive (Falke) Geldpolitik bekannt sei.

Die Aktienmärkte würden zurzeit äußerst positiv laufen. Der DAX habe in der vergangenen Woche die Marke von 13.000 Punkten geknackt, und in dieser Woche habe der amerikanische Dow Jones Index die Marke von 23.000 Punkten genommen. Dazu komme, dass die Aktienmärkte eine außergewöhnlich niedrige zukünftige Schwankungsbreite einpreisen würden, was man als eine gewisse Sorglosigkeit interpretieren könne. Einerseits sei diese Sorglosigkeit selbst besorgniserregend, denn bei derartiger Gelassenheit bestehe Enttäuschungspotenzial. Eine solche Enttäuschung wäre beispielsweise eine unerwartete "Zinswende" in Europa. Doch wie bereits oben argumentiert, würden die Analysten das für unwahrscheinlich halten.

Aber auch der von den Analysten erwartete graduelle Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik sollte zu erhöhten Schwankungen bei den Zinsen führen, was auch immer wieder für Schwankungen an den Aktienmärkten sorgen könne. Andererseits sei diese Sorglosigkeit der Märkte auch Ausdruck des guten Konjunkturumfelds. Die wichtigen Volkswirtschaften würden sich alle mit guten Zuwachsraten entwickeln. Das schlage sich natürlich auch in den Gewinnen der Unternehmen nieder, sodass diese eine positive Dynamik aufweisen würden. Das sei auch ein Grund, weswegen die Analysten nach wie vor positiv für die Aktienmärkte gestimmt seien. (20.10.2017/alc/a/a)