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Starökonom Jürgen Stark: EZB hat ihr Mandat überdehnt


06.02.20 12:30
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Grün liegt im Trend, auch in der Geldpolitik, so die Experten von "FONDS professionell".

Auf ihrer ersten Sitzung als Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) habe Christine Lagarde den Klimaschutz zum Kernthema gemacht. Die EZB solle grüner werden, in Zukunft wolle die Notenbank den Klimawandel stärker in ihrer Arbeit berücksichtigen. Jürgen Stark sei von 2006 bis 2012 Chefvolkswirt der EZB gewesen und halte Lagardes ehrgeizige Pläne für einen Fehler. "Der Klimaschutz ist Regierungssache", habe Stark auf Einladung von Amundi auf dem 19. FONDS professionell KONGRESS in Mannheim gesagt. Bei der Geldpolitik sei der Grundsatz der Marktneutralität zu beachten, daher "muss sie farblos sein", sei der Ökonom überzeugt.

Nach dem Vertrag von Maastricht sei die EZB zur Unabhängigkeit verpflichtet. Sie dürfe in Krisen intervenieren, um die Konjunktur anzukurbeln - und müsse sich ansonsten moderat verhalten. Seit der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 habe sich die Rolle der obersten Währungshüter allerdings von Grund auf gewandelt, habe der Ökonom erklärt. Die Zentralbanken hätten ihr Mandat eigenmächtig erweitert und dadurch an Macht und Einfluss gewonnen.

Längst stehe nicht mehr nur die Preisstabilität im Zentrum, sondern auch Politisches. "Die Zentralbanken haben viele Veränderungen mitgeprägt oder erst ausgelöst", habe Stark gesagt. Durch den exzessiven Kauf von Staats- und Unternehmenspapieren hätten sie die Marktteilnehmer ins Risiko getrieben und sich damit selbst in ein Dilemma manövriert: "Auf der einen Seite wollen sie die Konjunktur stimulieren. Auf der anderen Seiten sind sie aber auch die Aufseher der Banken und müssen als solche darauf achten, dass diese nicht zu viele Risiken eingehen."

Die Ambitionen der EZB in Sachen Klimaschutz seien für Stark ein Indiz, dass die Notenbank ihr Mandat künftig noch weiter zugunsten politischer Ziele ausweiten könnte. Besonders kritisch sehe er die Tatsache, dass Lagarde Parlamentarier und Vertreter der Zivilgesellschaft dazu aufgerufen habe, aktiv ihre Ideen einzubringen, wie die EZB die Geldpolitik künftig gestalten solle. "Nach den Statuten der EZB darf die Notenbank von der Politik keinen Rat einholen", habe er gesagt.

In einem anderen Punkt aber sei Stark ganz auf EZB-Linie: Im Jahr 2014 habe die Zentralbank die Marke von 1,9 Prozent Inflation als Idealmaß definiert. Dieses Dogma wolle Lagarde ebenfalls auf den Prüfstand stellen - zurecht, finde Stark. "Das Punktziel suggeriert eine Genauigkeit, die nicht erreicht werden kann", habe der Ökonom in Mannheim gesagt. Die EZB müsse sich von dem Gedanken verabschieden, alles bis ins letzte Detail steuern zu können. Schlicht eine andere Zahl als Zielmarke für die Teuerungsrate im Euroraum zu bestimmen, sei dennoch irreführend, habe Stark gesagt. Stattdessen sollte sich die EZB darauf konzentrieren, die strukturelle Deflation zu stoppen, ohne dabei in Aktionismus zu verfallen. "Inflation darf nie das Ziel sein", habe der Volkswirt gesagt. (06.02.2020/alc/n/a)