Schwieriges Umfeld für risikoreiche Anlagen: hohe Inflation und straffe Geldpolitik


27.05.22 11:26
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Mit 8,3% im Jahresvergleich übertraf die US-Inflation im April die Markterwartungen, so Audrey Bismuth, Global Macro Researcher bei La Française AM.

Der Anstieg sei auf zunehmende Lebensmittelpreise und den Kern-VPI (Verbraucherpreisindex) zurückzuführen gewesen, wohingegen die Energiepreise zurückgegangen seien. Der Kern-VPI sei im Jahresvergleich um 6,3% gestiegen. (Quelle: Bloomberg). Ausschlaggebend dafür waren ein sprunghafter Anstieg der Flugpreise, einer volatilen Kategorie, hohe Ausgaben für "wohnen", der wichtigsten der acht Komponenten des Index, und die Inflation bei Neuwagen; die Deflation bei Gebrauchtwagen verlangsamte sich, so Audrey Bismuth.

Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der VPI-Daten für April habe der FED-Vorsitzende Powell gesagt: "Die Inflation ist viel zu hoch. Wir handeln rasch, um sie wieder zu senken."

Seit März habe die FED die Zinssätze bereits um 75 Basispunkte (bps) auf 0,75% bis 1% erhöht (Quelle: Bloomberg). Der Offenmarktausschuss der US-Notenbank (Federal Open Market Committee - FOMC) habe für seine nächsten Sitzungen im Juni und Juli mindestens zwei Zinserhöhungen um jeweils einen halben Prozentpunkt angekündigt. FED-Vertreter hätten angedeutet, dass weitere Zinserhöhungen über den langfristigen neutralen Nominalsatz (2,40%) hinaus ohne Pause wahrscheinlich seien. Während der FOMC-Pressekonferenz am 4. Mai habe der Vorsitzende Powell die Bedeutung des neutralen Zinssatzes heruntergespielt und bemerkt: "Es ist im Grunde ein Konzept. Es ist nichts, was wir mit Genauigkeit bestimmen können. Wir können ihn nur innerhalb eines breiten Spektrums von Unsicherheiten bestimmen."

Der geldpolitische Kurs der FED werde davon abhängen, inwieweit die US-Wirtschaft der Verschärfung der finanziellen Bedingungen standhalten könne. Kurzfristig würden die Experten erwarten, dass die Haltung der FED sehr hawkish bleiben werde. Der Chef der Zentralbank habe kürzlich dem "Wall Street Journal" gesagt: "Die Inflation muss auf glaubhafte Art und Weise zurückgehen. Solange das nicht der Fall ist, werden wir weitermachen. Sollte das bedeuten, dass wir uns über das allgemein akzeptierte neutrale Niveau hinaus bewegen, werden wir nicht zögern, das zu tun."

Die Inflation könnte nun ihren Höchststand überschritten haben. Die Aprilzahlen seien unter den Höchstwert vom März (8,5% gegenüber dem Vorjahr) gefallen, und der schwächer als erwartet ausgefallene Erzeugerpreisindex (PPI) untermauere diese Einschätzung. Die Inflationsrate des Dallas Trimmed Mean PCE (Personal Consumption Expenditures = Persönliche Konsumausgaben), bei der die stärksten monatlichen Preisschwankungen herausgerechnet und die durchschnittlichen verbleibenden Preisänderungen ermittelt würden, sei ermutigend. Die Trimmed Mean PCE Inflationsrate für einen Monat habe sich im Jahresdurchschnitt auf 3,1% verlangsamt, nachdem er im Februar noch 4,0% betragen habe. Die Kennzahl deute darauf hin, dass die Inflation im Januar ihren Höhepunkt erreicht habe, als die Trimmed Mean PCE Inflationsrate eine einmonatige Jahresrate von 6,3% erreicht habe. (Quelle: Bloomberg)

Die Botschaft der FED an die Finanzmärkte sei jedoch vorerst eindeutig. Die Zentralbank werde dem Kampf gegen die hohe Inflation weiterhin Vorrang vor künftigen Wachstumssorgen einräumen.

Zu Beginn des zweiten Quartals würden die harten Wirtschaftsdaten ein optimistischeres Bild als die weichen Wirtschaftsindikatoren zeichnen. Im April habe die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe drei Monate in Folge solide Zuwächse verzeichnet. Außerdem könnte die steigende Kapazitätsauslastung darauf hindeuten, dass die Beeinträchtigungen der Lieferketten abnehmen würden. Trotz der Kaufkrafterosion aufgrund der höheren Inflation und der jüngsten Eintrübung der Verbraucherstimmung seien die Einzelhandelsumsätze im April kräftig angestiegen und hätten den vierten Monat in Folge zugenommen.

Insgesamt seien die Märkte noch dabei, die Verschärfung der Finanzbedingungen zu verdauen. Die erwartete reale Inflationsrate in den USA über einen Zeitraum von fünf Jahren, der in fünf Jahren beginne, sei seit Januar 2022 erheblich gestiegen, und zwar um fast 100 Basispunkte von etwa -0,40% auf 0,37%. Die fünfjährige Termin-Inflationserwartung liege jedoch immer noch 70 Basispunkte unter ihrem Höchststand von 2018. (Quelle: Bloomberg)

Die Befürchtung einer hawkishen Haltung der Zentralbanken in den Industrieländern (d.h. Zinserhöhungen bis in den restriktiven Bereich) und ein erhöhtes Rezessionsrisiko in den Jahren 2023-2024 würden auf ein sehr negatives Umfeld für riskante Anlagen hindeuten.

Wie würden die Märkte das Rezessionsrisiko bewerten? Laut J.P. Morgan Research würden die Aktienmärkte in den USA und im Euroraum eine 70%ige Wahrscheinlichkeit einer kurzfristigen Rezession einpreisen, verglichen mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit bei Investment-Grade-Krediten, einer 30%igen Wahrscheinlichkeit bei Hochzinsanleihen und einer 10-20%igen Wahrscheinlichkeit an den Geldmärkten. Die Experten von La Française AM wären da vorsichtiger als J.P. Morgan. Die Inflation werde sich stark auf die Verbrauchernachfrage auswirken, insbesondere in Europa, und die Zentralbanken würden ihre Geldpolitik weiter straffen, solange es keine Anzeichen für eine Abschwächung der Inflation gebe. Dies sei mittelfristig nicht das beste Umfeld für risikoreiche Anlagen, selbst wenn es zu einer kurzfristigen Entspannung kommen sollte. (27.05.2022/alc/a/a)