Russland: Leitzinssenkung naht


17.05.19 09:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Dynamik der russischen Wirtschaft lässt nach wie vor zu wünschen übrig: Der einzige Sektor, der sich stabil positiv entwickelt, ist der Bergbau, während das Verarbeitende Gewerbe volatil ist und die Konsumtätigkeit nach wie vor durch die schwache Einkommensentwicklung belastet wird, so Daria Orlova von der DekaBank.

Die erste Veröffentlichung des Statistikamtes zum Wachstum im ersten Quartal dürfte Ende der Woche bestätigen, dass die Wirtschaft nur schwach (Deka-Prognose: 1,4% yoy) gewachsen sei. Die Einkaufsmanagerindices seien zuletzt wieder gefallen, während der Rückgang im Dienstleistungssektor um nahezu zwei Punkte besonders prominent gewesen sei, was auch für den Auftakt des zweiten Quartals nicht allzu viel verspreche.

Das Risiko von Zweitrundeneffekten aus der Mehrwertsteueranhebung, auf das die Zentralbank um den Jahreswechsel großes Augenmerk gelegt habe, werde durch die anämische Konjunkturentwicklung vernachlässigbar. Die Inflationsrate sei im April auf 5,2% zurückgegangen und dürfte ab jetzt stetig auf das Inflationsziel der Zentralbank (4%) zusteuern. Die Russische Zentralbank habe auf ihrer April-Sitzung eine Lockerung der Geldpolitik bereits im zweiten oder dritten Quartal in Aussicht gestellt. Die Analysten der DekaBank würden davon ausgehen, dass eine Zinssenkung auf dann 7,50% bereits bei der nächsten Sitzung am 14. Juni wahrscheinlich sei, sofern das Finanzmarktumfeld günstig bleibe.

Die erneute Zuspitzung des Handelskonfliktes zwischen China und den USA sowie die zahlreichen Russland-spezifischen geopolitischen Risiken könnten allerdings zur Volatilität des Russischen Rubels beitragen und so die Lockerung ins dritte Quartal verschieben. Durch das Superwahljahr in der Ukraine würden sich Russland Möglichkeiten bieten, den Konflikt zu schüren, wie es z.B. mit der erleichterten Ausstellung der russischen Pässe an ukrainische Staatsbürger bereits geschehen sei, was aus Sicht von möglichen Sanktionen des Westens ein Spiel mit dem Feuer sei. Im Rahmen des G20-Gipfels in Japan Ende Juni sei ein Treffen zwischen Präsidenten Trump und Putin geplant, von dem die Analysten der DekaBank allerdings keine Wende in den Beziehungen zwischen Russland und den USA erwarten würden.

Das Wachstumspotenzial Russlands sei wegen der demografischen Entwicklung und der niedrigen Produktivitätssteigerungen mit ca. 1,5% verhalten. Das internationale Sanktionsregime verstärke Russlands wirtschaftliche Isolation.

Das politische Risiko, das mit einer potenziellen drastischen Verschärfung der US-Sanktionen eingehe, dominiere bei der Bonitätseinschätzung. Nachdem die US-amerikanischen Ermittlungen in der Russland-Affäre nach dem derzeitigen Kenntnisstand Präsident Trump in Bezug auf mögliche Absprachen mit Russland bei den Präsidentschaftswahlen entlasten würden, sei das Risiko systemischer Sanktionen zurückgegangen, trotz der im Senat jüngst vorgestellten Gesetzentwürfe. Individuelle Strafmaßnahmen für einzelne Verstöße (Einmischung in Venezuela, Geldwäscheaffäre, Ukraine) oder gegen die "Nordstream 2"-Pipeline würden angesichts der angespannten Beziehungen zwischen Russland und dem Westen auf der Tagesordnung bleiben. Russland weise nach wie vor solide Staatsfinanzen auf und die externe Verschuldung sei niedrig im Vergleich zu vielen anderen Emerging Markets.

Im Februar habe Moody's seine Bonitätseinschätzung Russlands als letzte der drei großen Rating-Agenturen auf Investment Grade (Baa3) angehoben, was der stabilitätsorientierten Geld- und Fiskalpolitik Rechnung trage. Wenn die derzeit in den USA diskutierten extremen Maßnahmen (z.B. das Verbot für Dollargeschäfte einiger Geschäftsbanken, Sanktionierung der russischen Staatsanleihen) entgegen unserer Einschätzung greifen sollten, würde dies zu Turbulenzen und Ratingherabstufungen führen, so die Analysten der DekaBank. (Ausgabe vom 15.05.2019) (17.05.2019/alc/a/a)