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Rentenmärkte: Doch noch Kompromiss beim EU-Wiederaufbaufonds?


10.12.20 14:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen der USA und Deutschlands waren in den letzten Tagen kaum verändert bzw. auf dem Rückmarsch, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Dies sei vor dem Hintergrund einer gemischten Nachrichtenlage geschehen. Auf der positiven Seite sei zu vermelden, dass die Chancen auf die Verabschiedung des mehrjährigen EU-Finanzrahmens einschließlich des 750 Mrd. Euro Wiederaufbaufonds deutlich gestiegen seien. Polen und Ungarn scheinen einem Kompromissvorschlag der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zuzustimmen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Kern des Anstoßes sei der Rechtsstaatsmechanismus gewesen, den Polen und Ungarn nicht hätten akzeptieren wollen.

Der Kompromiss sehe im Wesentlichen vor, dass dieser Mechanismus bestehen bleibe, aber erst in Kraft trete, wenn der Europäische Gerichtshof über die Verfassungsmäßigkeit dieses Passus entschieden habe. Es werde erwartet, dass dies bis zu zwei Jahre dauern könne, was dem Präsidenten Victor Orban entgegenkomme, der sich im Jahr 2022 der Wiederwahl stellen möchte. Heute (10.12.) werde beim EU-Gipfel voraussichtlich eine Vorentscheidung getroffen werden.

An der Brexit-Front gebe es dagegen keine Anzeichen einer Annäherung. Gestern Abend (09.12.) hätten der britische Premier Boris Johnson und die EU-Kommissarin Ursula von der Leyen keine Einigung über einen Deal erzielen können. Jetzt solle bis spätestens Sonntag (13.12) ein Ergebnis erzielt werden. Das könne ein Deal oder ein Nicht-Deal sein.

Eher den Optimismus dämpfende Nachrichten würden auch von der Corona-Front kommen. Die Zahl der Neuinfektionen steige in Deutschland wieder, die Zahl der Todesfälle liege im Siebentagesdurchschnitt mittlerweile bei täglich knapp 400 und die Reproduktionskennzahl R liege seit Ende November wieder über Eins. Entsprechend würden sich die Forderungen nach einem harten Lockdown mehren und Sachsen habe diesen bereits ab Montag (14.12.) angekündigt.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident sehe einen harten Lockdown spätestens ab Weihnachten als unvermeidlich an. Gleichzeitig habe Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer dringlichen und emotionalen Rede an die Länder appelliert, die Maßnahmenü zu verschärfen. Die Analysten würden davon ausgehen, dass über die Feiertage es zu einem harten Lockdown kommen und dieser mindestens 14 Tage dauern werde. Die wirtschaftlichen Konsequenzen daraus dürften in den meisten Sektoren überschaubar bleiben. Der Einzelhandel würde allerdings den Umsatz verlieren, den er üblicherweise zwischen den Jahren erfahre.

Auf der anderen Seite des Atlantiks seien die Hoffnungen auf ein baldiges Fiskalpaket in Höhe von 908 Mrd. US-Dollar gedämpft worden. Offensichtlich sei die Bereitschaft zu einer Einigung zwischen Republikanern und Demokraten doch nicht so groß. Möglicherweise hänge dies mit der Wahl der Bundessenatoren im Bundesstaat Georgia am 5. Januar zusammen. Für die US-Konjunktur sei dieser mangelnde Einigungswille in jedem Fall eine schlechte Nachricht.

Gut sei hingegen, dass mittlerweile alle 50 US-Bundesstaaten die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl zertifiziert hätten und es daher am kommenden Montag (14.12.) zur Wahl von Joe Biden zum Präsidenten der Vereinigten Staaten durch das Wahlmännergremium (in dem seit der Einführung des Frauenwahlrechts übrigens auch Frauen seien) kommen könne.

Ebenfalls positiv würden die Analysten die Ernennung von Katherine Tai zur neuen Handelsbeauftragten der Biden-Administration sehen. Tai sei in den USA geboren, ihre Eltern seien aus Taiwan eingewandert und sie spreche fließend Mandarin. Die Ernennung zeige, dass die Beziehungen zu China ganz oben auf der außenpolitischen Agenda Joe Bidens stünden.

Aus diesem Land - China - würden derzeit etwas beunruhigende Nachrichten kommen. Dort hätten offensichtlich zahlreiche Finanzierungsvehikel lokaler Regierungen (local government finance vehicles oder LGFVs) Schwierigkeiten, neue Mittel am Bondmarkt zu erhalten. Ursache dafür sei, dass in den letzten Wochen einige staatseigene Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten gekommen seien und ihren Schuldendienst ausgesetzt hätten. Die Zinsen auf die Bonds der LGFVs seien entsprechend kräftig gestiegen. 2019 seien die Hälfte aller neuen Kredite und ein Drittel aller Unternehmensanleihen auf LGFVs zurückzuführen gewesen. Insbesondere Bauprojekte würden von den LGFVs finanziert, sodass es hier zu negativen konjunkturellen Wirkungen kommen könnte.

Konjunkturell eher positiv könne man auf den ersten Blick die Lieferengpässe interpretieren, die bei vielen Logistikketten zu beobachten seien, insbesondere in der Frachtschifffahrt. Deutlichster Indikator für die Engpässe seien die auf Rekordhoch gestiegenen Frachtraten und die langen Wartezeiten, die viele Schiffe bei ihrer Ent- und Beladung in Kauf nehmen müssten. Von einzelnen Reedern sei zu vernehmen, dass sie Aufträge für die nächsten Wochen ablehnen würden. Die Ursachen für diese Entwicklung, die angesichts des massiven Einbruchs im Welthandel im Frühjahr nicht zu erwarten gewesen sei, seien vielfältig. Nachholeffekte würden dafür sorgen, dass sich Lieferungen auf einen kürzeren Zeitraum konzentrieren würden, ohne dass die Kapazitäten dafür ausgelegt seien.

Weiter würden viele Menschen das Geld, das sie früher bei Reisen, Veranstaltungen usw. ausgeben hätten, nunmehr für die Käufe von Sofagarnituren und anderen langlebigen Konsumgütern ausgeben. Dazu komme, dass viele Containerboxen durch die Disruptionen im Frühjahr nicht dort seien, wo sie eigentlich benötigt würden. Und schließlich seien auch viele Hafenarbeiter von Corona betroffen und müssten in Quarantäne. Im Ergebnis bedeute diese Entwicklung auch ein Risiko für die Konjunktur, da es zu Unterbrechungen in Lieferketten und Verzögerungen in Produktionsprozessen kommen könne.

Heute werde die Europäische Zentralbank tagen. Es sei wie im Wochenbarometer der letzten Woche geschrieben mit einer Aufstockung des PEPP-Programms und einer Verlängerung der TLTRO-Geschäfte zu rechnen. Es sei außerdem gut möglich, dass der TLTRO-Zinssatz von -1% auf -1,1% gesenkt werde, um den Banken noch einen stärkeren Anreiz für Kreditneugeschäft zu geben.

Nächste Woche tage die FED (16.12.). Sie werde vermutlich eine Erhöhung der Anleiheankäufe ankündigen. Im November habe die FED Anleihen im Volumen von 90 Mrd. US-Dollar erworben. Ein größeres Thema dürfte gleichzeitig sein, wie es mit dem Hilfsprogramm für kleine und mittlere Unternehmen weitergehe, dem das Finanzministerium die Unterstützung entzogen habe.

Datenseitig stünden einige Indikatoren mit einem mittleren Marktbewegungspotenzial an. In den USA werde morgen (11.12.) der Michigan-Konsumentenvertrauensindex für den laufenden Monat veröffentlicht, am 14.12. folge die Industrieproduktion der Eurozone für Oktober und am Tag darauf die US-Industrieproduktion für November. Größere Beachtung dürfte die PMI-Schnellschätzung aus der Eurozone einschließlich Deutschland und Frankreich erhalten (16.12.). Wichtig sei zudem noch die Entwicklung des Einzelhandels im November in den USA (ebenfalls 16.12.) (10.12.2020/alc/a/a)