Jupiter-Manager: "US-Leitzins über zwei Prozent wäre überraschend"


26.05.22 12:24
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen Monaten ist öffentlich die Zinswende beziehungsweise das Ende des Tiefzinsumfeldes ausgerufen worden, so die Experten von "FONDS professionell".

Doch es gebe renommierte Skeptiker. "Der Markt geht davon aus, dass wir in den USA kommendes Jahr ein Zinsniveau von drei Prozent sehen werden. Ich wäre sehr überrascht, wenn es mehr als zwei Prozent wären", habe Jupiter-Anleihenprofi, Ariel Bezalel, am Dienstag vor Vertretern der Finanzbranche in Wien gesagt. Es gebe zu viele Hinweise auf eine drohende Rezession. Folglich hätten die Notenbanken kaum Spielraum für größere Schritte.

So wachse China als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht nur wegen seiner andauernden Pandemie-Lockdown-Politik langsamer. Vielmehr müsse das Land nach dem Platzen der Immobilienblase seinen "Lehman-Moment" verarbeiten. Es werde Jahre dauern, bis die Immobilien-Dominanz am chinesischen Finanzmarkt abgebaut sei, so Bezalel.

Auch in der global größten Volkswirtschaft, den USA, zeigten mehrere relevante Indikatoren an, dass es bald zu einer deutlichen Konjunkturschwäche komme, meine Bezalel. Unter anderem signalisierten Auftragseingänge und Neuaufträge, dass der ISM-Einkaufsmanagerindex (ISM Manufacturing PMI), der verlässlichste Frühindikator für die US-Konjunktur, in den kommenden Monaten scharf abfallen dürfte. "Wenn der PMI auf einen Wert von unter 50 zusteuert, wird die Fed nachdenken, ob sie ihre geldpolitische Straffung weiter fortsetzt", so Bezalel. Ein PMI-Wert von über 50 deute eine steigende Industrieproduktion an, weniger als 50 Punkte würden eine rückläufige Produktion erwarten lassen. Zuletzt habe der Index bei rund 55 Punkten notiert.

Dazu komme, dass das US-Konsumentenvertrauen extrem stark gesunken sei. Der hierfür relevante Consumer Sentiment Index der Universität Michigan befinde sich auf einem fast so tiefen Level, wie zur Finanzkrise 2008 beziehungsweise wie zur Euro-Krise 2011. Das Konsumentenvertrauen habe sich historisch meist als treffsicherer Vorlaufindikator für die Produktion erwiesen. "Die Konsumenten werden erdrückt von den Lebenshaltungskosten. Die Nachfrage wird zurückgehen", habe Bezalel gesagt. Er sehe "ein steigendes Risiko einer Rezession in den nächsten sechs bis acht Monaten".

Insgesamt dürfte weltweit die Nachfrage im Rezessionsumfeld abflachen, was wiederum zu einer Entspannung bei der Inflation führen werde. "Wir glauben, dass die Inflation im zweiten Halbjahr deutlich zurückgeht", so Bezalel. Auch dadurch sinke der Bedarf an Zinserhöhungen.

Zudem erschwere die hohe Staatsverschuldung ein höheres Zinsniveau, da für viele Länder die Refinanzierung bei steigenden Kreditkosten erschwert werde. Langfristig spreche außerdem die Demografie gegen höhere Zinsen. Nach gängiger Annahme benötige man für Wirtschaftswachstum ein steigendes Arbeitskräfteangebot sowie eine ausreichende Masse an konsumfreudigen Altersschichten. Die Demografie entwickele sich angesichts der fortschreitenden Bevölkerungsalterung aber in die entgegengesetzte Richtung. In diesem Umfeld könnten die Notenbanken nur schwer Zinsschritte setzen, die die Wirtschaft zusätzlich dämpfen würden.

Ein Lower-for-longer-Szenario sei sehr wahrscheinlich, meine Bezalel. Er gehe davon aus, dass sich die Zinsen aufgrund der zahlreichen ökonomischen Herausforderungen wieder in die Bandbreite einordnen würden, die der jahrzehntelange Trend vorgebe - und der zeige nach unten. Tendenziell würden die Zinsen seit 40 Jahren sinken, auch wenn es immer wieder Ausreißer gegeben habe.

Die US-Notenbank FED habe im März aufgrund der rasant steigenden Inflation erstmals seit 2018 den Leitzins erhöht, wenn auch zunächst nur um 0,25 Prozentpunkte. Im Mai sei ein weiterer Schritt um 0,50 Prozentpunkte auf die aktuelle Spanne von 0,75 bis 1,00 Prozent gefolgt. Damit sei auch der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) gewachsen. Deren Chefin Christine Lagarde habe diese Woche signalisiert, dass die europäische Notenbank bei ihrer Sitzung am 21. Juli zum ersten Mal seit elf Jahren die Zinsen anheben könnte. Der Hauptrefinanzierungssatz in der Eurozone liege seit 2016 bei null Prozent. (Ausgabe vom 25.05.2022) (26.05.2022/alc/a/a)