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Indien: Die steigende Inflationsrate kommt nun als neues Problem hinzu


15.01.20 12:51
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das Wachstum der indischen Wirtschaft hat sich seit Mitte 2018 von 8,0% yoy auf nur noch 4,5% yoy im dritten Quartal 2019 abgekühlt, so die Analysten der DekaBank.

Die Zahlen zum vierten Quartal seien noch nicht veröffentlicht, doch die bislang vorliegenden Indikatoren würden eine Erholung nur zaghaft andeuten. So habe die Industrieproduktion im November um 1,8% yoy zugelegt, nachdem sie in den drei Monaten zuvor im Jahresvergleich geschrumpft sei. Der Einkaufsmanagerindex für das Indien habe im Dezember von 51,2 auf 52,7 Punkte und der für den Dienstleistungssektor von 52,7 auf 53,3 Punkte zugelegt. Immerhin würden diese Zahlen Mut machen, dass sich die Lage mit Blick auf den Jahresstart etwas verbessern könnte.

Noch immer leide die Wirtschaft vor allem unter den Problemen im Finanzsystem. Nun komme als neues Problem die steigende Inflationsrate hinzu: Habe diese noch im August bei 3,3% gelegen und damit klar unter dem mittelfristigen Inflationsziel von 4%, sei sie im Dezember auf 7,4% gestiegen, und damit den höchsten Wert seit 2014. Haupttreiber seien seit Monaten die aufgrund der schlechten Ernste stark steigenden Nahrungsmittelpreise, und hier vor allem die Gemüsepreise. Zwar dürfte dieser Effekt nur vorübergehend sein, doch er schwäche dennoch die Kaufkraft der Konsumenten und könne zu steigenden Inflationserwartungen führen. Zudem werde er die Notenbank wohl vorerst von einer weiteren Lockerung der Geldpolitik abhalten. Das geldpolitische Komitee habe sich auf der vergangenen Sitzung Anfang Dezember bereits gegen eine Senkung des Leitzinses von derzeit 5,15% entschieden und werde dies sehr wahrscheinlich auch auf der nächsten Sitzung am 6. Februar tun.

Zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämen politische Probleme hinzu. Die Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes führe seit Wochen zu massiven Protesten, in deren Verlauf bereits mehr als 20 Demonstranten gestorben seien. In dem neuen Gesetz sähen Kritiker eine Diskriminierung der starken muslimischen Minderheit. Das harte Vorgehen gegen die Demonstranten füge sich in ein Bild, dass die Regierung demokratische Grundrechte schwäche, um eine religiöse Agenda voranzutreiben. Die Finanzmärkte hätten sich durch die negativen wirtschaftlichen und politischen Meldungen allerdings nicht beeindrucken lassen. Der indische Aktienmarkt steuere von einer Höchstmarke zur nächsten und die Indische Rupie habe in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber dem US-Dollar nur rund 3% an Wert verloren.

Indien dürfte mittelfristig die wachstumsstärkste aller großen Volkswirtschaften sein. Dies ändere jedoch nichts an den grundlegenden Problemen des Landes. So gebe es große Mängel in der Infrastruktur, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Das hohe Leistungsbilanzdefizit setze zudem inlandsgetriebenem Wachstum gewisse Grenzen. Ein wichtiger Pluspunkt sei die Glaubwürdigkeit, die die Zentralbank in den vergangenen Jahren gewonnen habe, da hierdurch die Inflationsbekämpfung erleichtert werde.

S&P und Fitch würden indische Fremdwährungsverbindlichkeiten mit Baa3/BBB- im untersten Bereich des Investment Grade einstufen. Moody's habe das Rating 2017 um eine Stufe auf Baa2 heraufgestuft und damit den stabilitätsorientierten geld- und fiskalpolitischen Kurs sowie die strukturellen Reformen gewürdigt. Im November habe die Agentur jedoch den Ratingausblick auf negativ verändert und dies vor allem mit dem schwachen Wirtschaftswachstum begründet. Weitere Schwachpunkte im Bonitätsprofil seien die Schwäche des Exportsektors und die Abhängigkeit von Energieimporten. Beides trage zum Leistungsbilanzdefizit bei, das die Nettovermögensposition gegenüber dem Ausland kontinuierlich verschlechtere. Die Spannungen zwischen Indien und Pakistan seien nach Aufhebung des Sonderstatus für die Region Kaschmir deutlich gestiegen. (Ausgabe vom 14.01.2020) (15.01.2020/alc/a/a)